Erinnerungen an früher von Hans und Grete Riedl

In dieser Galerie zeigen wir Erinnerungen von Hans Riedl und seiner Ehefrau Grete Riedl.


Hier findet Ihr Hans Riedl bei Facebook: https://www.facebook.com/johann.riedl


Und hier ist sein Buch „Damals“: https://www.rediroma-verlag.de/buecher/978-3-86870-835-6

Vorwort


Vergangene Zeiten, die lobt man so gern,

wenn sie vergangen sind, vergessen und fern.

Ich will euch nun helfen um den Maßstab zu finden.

Will helfen dem Menschen von damals ihr Dasein ergründen.

Es ist die Zeit, wo weder Strom noch Motor

die Arbeit erleichtert und weit noch davor.

Als der Kaiser noch herrschte mit Krone und Stab,

ich will nun erzählen, wie sich die Geschichte begab.

Einen Keuschler, ganz arm, mit Sorgen zu Hauf,

den zog es vor Zeiten in die Leiten hinauf.

Dort lebte er weiter mehr schlecht als recht.

Niemand mit ihm heute tauschen noch möcht.

Er war nicht allein, mit Frau und mit Kinder

hauste er in der Keusche mit dem Viehstall dahinter.

Das Klima ist rau, die Erde voll Steine.

Auch das Unglück kommt da oben selten alleine.

Sie haben sich selbst und den Herrgott nur.

Eine Keusche mit Strohdach, rundherum die Natur.

Zwei kleine Flecken hat man von den Steinen befreit.

Da baut man Getreide seit einiger Zeit.

Auch Kartoffeln gedeihen auf dieser Höhe noch meist.

Das Ganze ist rundum mit einem Zaun eingekreist.

Der Zaun aus Ästen und Reisig und Rinden

soll helfen, dass die Tiere des Waldes die Fechsung nicht finden.

Ein Stück Wald und eine Wiese, die sind noch dabei.

Der Wald gibt das Holz, die Wiese das Heu.

Beides ist steil wie das Dach von dem Haus.

Dafür sehen sie hier oben in die Weite hinaus.

Die Nachbarn sind weit, man kann sie nicht sehen.

Bis man den nächsten erreicht muss man eine Stunde wohl gehen.

So hausen sie hier auf sich alleine gestellt,

im Glück und im Unglück in ihrer eigenen Welt.


© Hans Riedl

aus dem Buch: "Damals"


Bilder: Hans Riedl und Pixabay

Baustelle 1953


Unser Kuhstall war schon alt und unzulänglich.

Auch ein Kuhstall ist im Lauf der Zeit vergänglich.

Im neuen Stall sollte Platz vorhanden sein,

für vier Stück Rinder und für drei Stück Schwein.


Dazu noch eine Tenne und Platz für dies und das.

Deshalb wurde lang schon vorbereitet, ohne Unterlass.

Ohne Strom und ohne Wasserleitung

war sehr erschwert die ganze Vorbereitung.


Ich fuhr mit meinem Vater die Ziegel holen für das Dach.

Das war ein Unternehmen mit viel Weh und Ach.

Wir spannten unsere Kühe ein und hintendran den Wagen

und machten eine Reise um die halbe Welt,

das kann ich euch schon sagen.


Wir zogen mit den Kühen von da bis Gasselsdorf hinauf,

ich saß hinten auf dem Wagen, der Vater ging daneben.

Nach Stunden kamen wir in die Fabrik zu unserem Ziegelkauf.

Zwölf Kilometer war die Straße lang, eine lange Strecke eben.


Wir luden nun die Ziegel auf, soviel der Wagen tragen konnt.

An die Kühe haben wir nicht gedacht, die wurden nicht geschont.

Die Reise ging dann wieder bis Maierhof zurück.

Hier luden wir die Hälfte ab,

denn auf den Berg ging es nicht in einem Stück.


Der Weg war schlecht, der Berg ist steil.

Am nächsten Tage holten wir dann erst, denn zweiten Ziegelteil.

Dass wir mehrmals Ziegel holen mussten, ist jedem sicher klar,

weil die Leistung unseres Fuhrwerkes sehr bescheiden war.


Das Bauholz stand noch unten auf steilem Waldeshang.

Das Holz von unten hochzuholen war ein schwerer Gang.

Zuerst wurden die Bäume um geschnitten, natürlich nur von Hand.

Es gab bei uns noch keine Kettensäge, das ist euch jetzt bekannt.


Mit Flaschenzug und langen Seilen

wurden die Stämme hochgezogen von dem Hang dem steilen.

Weiter oben wurden dann die Kühe vor jedes Bloch gespannt,

dass wir keinen Traktor hatten, ist euch wahrscheinlich auch bekannt.


Lag das Holz dann endlich bei uns im Hof, in langen Reihen,

dann kamen Zimmerleute, sie kamen gleich zu zweien.

Sie hackten gleich die Stämme in die vorgesehene Form,

schön kantig sollten sie werden, dafür gibt es eine Norm.


Lange Zeit schon vorher hat mein Vater Ziegel selbst gemacht.

Er holte Lehm aus einer Grube

und hat diesen zu unserem Hause hochgebracht.

Nach langen Wochen Arbeit war er über seine Leistung sichtlich froh.

Der Lehm wurde jetzt durchgeknetet mit Wasser und mit Stroh.


Die Masse hat er dann in Formen eingefüllt

und zum Trocknen in der Sonne aufgestellt.

Doch zum Hausbau haben viele, viele Dinge noch gefehlt.




Brandkalk haben wir geloschen in einer Grube ein.

Das sollte dann das Bindemittel für den Mörtel sein.

Doch jetzt kam die allerschwerste Teilarbeit,

denn zum Mauern war es lang noch nicht so weit.


Vorerst noch der ganze Aushub und das alles von der Hand,

weil für diese Arbeit keine andere Möglichkeit bestand.


Ich ging nun in die erste Klasse und kam gerade von der Schule heim,

da füllten der Vater und die Mutter in den Untergrund die ersten Steine ein.

Ich kann mich ganz genau erinnern und hab es nicht vergessen.

Das Bild steht noch vor meinen Augen, als wär es gestern erst gewesen.


Ich gebe nochmals zu bedenken, dass damals zu der Zeit

zu unserem Haus kein LKW konnt kommen.

Denn unser Zufahrtsweg war noch lange nicht so weit.

Unseren Hausweg hätte damals noch kein LKW erklommen.


Mit Kuh und Wagen wurde alles eingeholt.

Was das für Mühen waren, ihr das wissen sollt.

Wenn ich heimkam von der Schule

konnt ich auch schon kleine Hilfen leisten.


Die Hausarbeit verrichten, musste ich am allermeisten.

Die Maurerarbeit zog sich wochenlang dahin.

Wenn ich mit den Hausaufgaben fertig war,

ich am liebsten auf dem Gerüst gestanden bin.


Den Beton für die Oberdecke mischten wir gleich auf der Erd´.

Hier wäre jetzt eine Mischmaschine nicht verkehrt.

Doch ohne Strom sich keine Mischmaschine dreht,

auch jede andere Maschine ohne Strom nur steht.


Wenn Brotzeit war für Maurer und für Zimmerleut´,

da hab ich mich schon immer vorher drauf gefreut.

Auf dem Tisch waren Brot und Most, und ein Würfel Thea aufgedeckt.

Ich weiß noch heute wie vorzüglich mir die Thea hat geschmeckt.


Nach unendlich vieler Müh und vielen Plagen

war auch das Dach schon eingedeckt, nach arbeitsreichen Tagen.

Dieses Dach hat in mir eine besondere Erinnerung geweckt.

Zwei junge Burschen stiegen hoch, bis auf den First hinauf.


Der Eine mit der Ziehharmonika, die Mühe nahm gerne er in Kauf.

Sie spielten und sie sangen nun aus ihrer vollen Brust,

den beiden zuzuhören war eine große Lust.

Diese Gleichenfeier war aller Arbeit erst gerechter Lohn.

Wir konnten auf unser Bauwerk mit Stolz nun sehen schon.


Wenn ich an die Zeit nun denke und denk an ehemals

so wird es mir sonderbar zumute und mir sitzt ein Klotz im Hals.


© Hans Riedl (Text und Bild)


Der Kirchgang


Der Kirchgang war für meine Eltern ein wichtiges Element.

Nicht der Kirchgang, so wie man ihn heute kennt.

Heut fährt man mit dem Auto bis vor die Kirchentüre hin.

In meiner Kindheit ich oft stundenlang gegangen bin.


Die Sonntagsmesse zu versäumen war eine schwere Last.

Man stellte dann die Frage ob du diese auch gebeichtet hast.

Darum gingen wir jeden Sonntag zur Kirche nach Gleinstätten runter.

Wir gingen ohne Murren, wir gingen flott und munter.


War irgendwo die Weihe von einem Kreuz, einer Kapelle,

wir waren mit dabei, wir waren auch zur Stelle.

Zu den hohen Feiertagen oder zur Mission,

sind wir natürlich auch gegangen und nicht nur einmal,

sondern täglich mehrmals schon.


Der Kirchgang gehörte zu unserem Leben

wie das Amen zum Gebet.

Wir haben den Besuch der Kirche ernstgenommen

und nicht nur das die Zeit vergeht.

Wie konnt man damals Kinder reizen, vielleicht das jemand weiß?

Ich sag es nun ganz offen:“ Mit einem kleinen Eis!“


Ein kleines Eis haben nach der Kirche wir bekommen.

Der Wirt hat uns dafür 50 Groschen abgenommen.

Von der Kirche bis zum Gasthof Brand, sind wir nur gelaufen

um uns um 50 Groschen eine Kugel Eis zu kaufen.


Der Sonntag war gerettet. Wir hatten unser Eis.

Wenn wir schon zur Kirche gingen, das hatte seinen Preis.

Mit jedem Schlecker mehr, sah man das Eis vergehen

und mit Wehmut haben wir dem letzten Zipfel nachgesehen.


Nach dem letzten Zipfel kam die Stunde eins,

denn die ganze Woche gab es von diesem Eise keins.

Am nächsten Sonntag war wieder mal Finale

Wir haben drauf gewartet, wir gingen wieder alle.


© Hans Riedl (Text und Bilder)


Schulausflug


Es geht jetzt nicht ums kleine Kinder quälen,

ich will nur von unserem Schulausflug erzählen.

Euch liebe Leser stelle ich jetzt dar,

was einem kleinen Schüler von acht Jahren,

damals zugemutet worden war.


Ich hatte eine Stunde Schulweg, dort angekommen,

ging ich mit der ganzen Klasse nach Wettmannstätten drunt',

mit unseren kurzen Füssen, zweieinhalb Stunden rund.

In meiner Tasche war ein mit Schmalz bestrichenes Brot

und zwei Schillingmünzen für die große Not.


Wir fuhren mit dem Zuge von da bis Mixnitz an der Mur,

ich war noch nie Zug gefahren, es war blankes Staunen nur.

Von Mixnitz durch die steile Klamm,

ich auf den Leitern Höhenangst bekam.

Zweiundzwanzig kleine Kinder von drei Begleitpersonen nur bewacht.


Stellen sie sich vor, wenn man so was heute macht.

Zuerst zum „Guten Hirten“, dann nach „Schüsserlbrunn.“

(Vor zwei Jahren bin ich den Weg nochmal gegangen,

danach war ich krank und krumm.)


Weiter ging's zum Hochlantsch bis zum Gipfelkreuze hin.

Ich weiß noch heute wie ich damals hinaufgekraxelt bin.

Oben gab es eine Pause, jetzt mein Schmalzbrot für die Jause!

Wer sich hier unser Ziel hat vorgestellt

dem sag ich nur: „noch weit gefehlt!“


In zwei Stunden ging es über Steine, Wald und Wiesen,

bis zur Teichalm hin, wo die Wasser fließen.

Im Gasthof gab es endlich warmes Essen,

es ist das erste nach zwölf Stunden jetzt gewesen.


Frankfurter mit Senf, für jedes Kind nur eine Wurst

und Leitungswasser für den Durst.

Im Schlafsaal wurden wir auf Pritschen hingelegt,

der Schlaf hat unsere Müdigkeit schnell dahingefegt.


Am nächsten Morgen, ich weiß es noch genau,

gab es zum Frühstück je eine Semmel mit Kakao.

Das Schlafen auf der Pritsche hat Erholung uns gebracht.

Schon am frühen Vormittag

haben wir uns wieder auf den langen Weg gemacht.





Wir stapften hurtig talwärts, zuerst zum „Guten Hirten.“

Niemand hatte Geld, sich lassen zu bewirten.

Wir tranken Wasser, das aus der Quelle kam.

Es war frisches Wasser, das durch die Kehle rann.


Wir gingen weiter über den sogenannten Knüppelweg.

In zwei Stunden waren wir wieder unten,

beim ersten schmalen Steg.

Dann nochmals eine Stunde bis zum Bahnhof für den Zug.

Vor Freude auf das Fahren mir das Herz im Halse schlug.


Endlich fuhr der Zug im Bahnhof Mixnitz ein.

Was kann nur schöner als Zug zu fahren sein?

Im Bahnhof Graz, der Zug macht eine Pause.

Jetzt wär es an der Zeit für eine gute Jause.


Was sah ich da, vor der Halle ein Eisverkäufer stand

und ein Schilling noch in meiner Tasche sich befand.

Ich kletterte vom Zug und rannte über drei Geleise,

dass man das nicht macht auf meine naive Weise,

war mir bis dato nicht bekannt.

Mit meinem Eis bin ich den gleichen Weg zurückgerannt.


Im Waggon wurde ich von unserem Oberlehrer abgefangen,

beinah hätte er eine Gewalttat an meinem Kopf begangen.

Jedenfalls stutzte er mich kurz und klein.

Ich verkroch mich mit meinem Eis,ins hintere Eck hinein.


Als wir in Wettmanstätten angekommen sind,

war es rabenschwarze Nacht.

Sich gleich die ganze Kinderschar auf den Heimweg hat gemacht.

Den gleichen Weg wie gestern früh, nur heute umgekehrt.

Der Oberlehrer uns keine Pause hat gewährt.

Der hat mit uns geschrien und hatte laut getobt.

Uns kleine arme Hascherln für die große Leistung,

niemand hat gelobt.


Als ich zu Hause ankam, war es bereits nach Mitternacht.

Morgens musste ich wieder in die Schule!

An eine Ruhepause hat damals niemand noch gedacht.

Ich hoffe, lieber Leser, dass du jetzt im Bilde bist,

was vor achtundfünfzig Jahren

uns kleinen Schülern zugemutet worden ist!


© Hans Riedl (Text und Bild)

Die Federbetten


In Federbetten haben wir geschlafen in der Kinderzeit.

Um welche Federn es sich hier handelt,

das zu erklären, dazu bin ich gern bereit.

Die Federn waren nicht, wie manche denken, vom lieben Federvieh.

Wenn ich an Federbetten denke, denk ich auch an Eisenfedern nie.

Dass ich niemanden belüge, ist hier der Beweis.

Die Federn, auf denen wir lagen, kamen ausschließlich vom Mais.

Beim Maisschälen konnte man solche Federn nur gewinnen.

Wir schälten unseren Mais immer in der Stube drinnen.

Die Federn, die da übrigblieben

wurden luftgetrocknet und etwas aussortiert.

Wer an andere Federn hier gedacht hat, hat sich schlicht geirrt.

Die Federn kamen in den Strohsack dann hinein.

Diesen Strohsack legte man in sein Bett, er sollte luftig sein.

Warum denn Strohsack, wenn Federn drinnen sind?

Das ist ja irreführend, das merkt schon jedes Kind.

Strohsack heißt er aus Gewohnheit,

weil früher Mal, vor langer Zeit,

wahrscheinlich in dem Sack Stroh darinnen war.

Damit wäre der Name von dem Sack unbedenklich klar.


Sich in einen frischen Strohsack hineinzulegen

war himmlisch angenehm.

Er roch nach frischen Federn, war weich und sehr bequem.

Wie jedes Ding, das man immer wieder drückt,

so ergeht es auch den Federn in dem Strohsack.

Doch wegen der Verfügbarkeit

wurde dieser nur einmal jährlich neu bestückt.


Im Verlauf des Jahres lag man nicht so weich

auch war der Strohsack inzwischen an gewissen Tierchen reich.

Die Flöhe und die Läuse haben drin gewohnt

und haben den darin Schlafenden beileibe nicht verschont.

Diese Tierchen hinterließen Spuren an Hand und Kopf und Füss',

dass man denen den Kampf ansagen musste, war ja ganz gewiss.


Ein Mittel gegen diese Viecher hat sich sehr bewährt.

Das hat der Kaufmann meiner Mutter so erklärt.

Ein weißer Staub in einer Dose, größere Mengen gab es auch lose,

mit dem Namen DDT ganze Arbeit meist getan.

Meine Mutter staubte einfach unsere ganze Wäsche damit an.


Das Bettzeug hat gerochen, nur nach DDT.

Ich noch heute meine Mutter mit der Pulverdose seh.

Später zog man das Wundermittel dann aus dem Verkehr

und wir haben auch erfahren, dass das Pulver wohl sehr giftig wär.

Ich kenne einen Spruch und sage ihn zum Beweis:

„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!“


© Hans Riedl (Text und Foto)


Maisgrafik: Pixabay


Die Faszination des Fahrrades


Der Heimweg von der Kirche, nach einem kleinen Eis,

ist wie jeder Heimweg, wie bestimmt ein jeder weiß,

mal lustig und mal öde, doch jedes Mal sehr lang.

Im Sommer, bei der Hitze, wurde mir beim Gehen bang.


Auf halber Strecke auf dem Heimweg stand

bei einem Gasthof eine Kegelbahn.

Hier schoben wir mal hin und wieder

auf der Lehmbahn eine runde Kugel an.

Es gab noch eine tolle Sache, die hat mich froh gestimmt.

Was mich damals frohgestimmt, dass mich heute wunder nimmt.


Ein Mann von unserem Berg fuhr mit seinem Fahrrad zu der Kirche.

Von oben runter ging es angenehm,

denn ohne viel zu treten fuhr er ganz bequem.

Doch heimwärts musste er sein Vehikel schieben,

da ist ihm die Bequemlichkeit versagt geblieben.


Dem sein Fahrrad wollt ich immer wieder schieben.

Ich war ganz erpicht darauf, ist mir in Erinnerung geblieben.

Gab er endlich sein Fahrrad aus der Hand,

bin ich mit demselben weit voraus gerannt.


Ich war zu klein und konnte noch nicht Fahrrad fahren.

Auch dann nicht, wenn ich schon hätte können,

es wäre nicht gegangen, weil auf dem Weg nach Sausal

viel zu viele Höhenmeter waren.


So habe ich geschoben mit Begeisterung und voller Dankbarkeit.

Zum Fahrradschieben war ich jederzeit bereit.

Ein Fahrrad hat mich früh schon fasziniert,

ich hab mich damals für meine Schwäche nicht geniert.


Dass mich einst nach vielen, vielen Jahren

das Fahrrad wieder faszinieren würde, hätt ich nicht gedacht.

Doch es ist im Alter so gekommen,

denn ich habe in den letzten Jahren

mit dem Fahrrad Touren durch ganz Europa schon gemacht.


© Hans Riedl (Text und Bild)


Vogelfrei


Wir spielten Spiele ohne Spielzeug, wie zum Beispiel

„Fangen“ oder „Blinde Kuh“,

„Schneider, leih mir deine Scher“ oder „Ich und du und du“.

„Ball über die Schnur“, sofern ein Ball vorhanden.

Es gab auch Zeiten ohne Ball,

dann wir einen Fetzen zu einem Klumpen banden.


Oft wir gleich der Mutter ihre Schürze nahmen, sie mir heut vergibt.

Auch das Verstecken-Spiel war bei uns außerordentlich beliebt.

Unter unserem Birnbaum stand noch ein Fliederstrauch

und auf diesem Strauch saßen meist die Hühner drauf.


Unter Baum und Strauch war eine freie Stelle,

mit feiner loser Erde, die taugte für alle unsere Fälle.

Hier spielten wir groß Kochen auch ohne heiße Flamme,

mit einem alten Topf und einer kaputten Pfanne.


Wir hatten eine Bekannte, die uns beim Kochen unterstützte,

sie war ganz ungezwungen und diese Art sie nützte.

Wir hatten nie ein Wasser für unser Kochgeschirr,

Sand und Erde jedoch in rauen Mengen hier.


Die Lieserl, wie die Bekannte nun mit Namen hieß

auch in diesem Falle großen Einfallsreichtum hier bewies.

Sie hockte einfach auf die Schüssel, denn Hosen hatte sie nie an

und ließ ihr Wasser rinnen, damit war es schon getan.


Zum Rühren in der Schüssel langte ein Stückchen Holz.

Wir alle drei waren hinterher auf unseren Kuchen stolz.

In den Ästen von dem Fliederstrauch hängte ich verschiedene Hauen auf.

Für die Feldarbeit taugten die nicht viel,

die waren natürlich ohne Stiel,

ziemlich abgenützt und voll von braunem Rost.

Ich band gleich fünf zu einem Bund zusammen,

ich nahm sie mir getrost.





Mit einem Stecken schlug ich nun dagegen,

so dass ein heller Ton erklang. Es erklang ein helles Klingen,

es klang so ähnlich, als ob die Kirchenglocken gingen.

Auch wenn ein Windstoß in mein Geläute fuhr,

ist ein heller Glockenton erklungen.

Manchmal haben wir Kinder laut dazu gesungen.


Wir waren da in einem Alter, wo wir noch keine Pflichten hatten.

Weder Schule noch Hausarbeit konnte man von uns erwarten.

Wir waren fest verschmolzen mit Natur und Mensch und Vieh.

Diese Ungezwungenheit bestärkte meine Phantasie.


Die Armut war hier ausgeblendet, die bemerkten wir je kaum.

Ich aß ein Stückchen Brot und saß auf einem Baum.

Was sollt ich mir noch wünschen, denn ich war ja vogelfrei.

Manchmal kam mir vor, als ob ich selbst der Vogel sei.


Die Mutter hat mir gleich aus dem Euter von der Kuh

die Milch in den Mund gespritzt, dabei lag ich am Boden

und hab den Kopf mit den Händen abgestützt.

Ich war auf dem Mist zu Hause, wie das liebe Federvieh,

war zwar ständig schmutzig, krank wurde ich deshalb nie.


© Hans Riedl (Text und Foto)

Die radikale Rosskur


Das zu meiner Volksschulzeit

Kinder Läuse hatten, war damals ganz alltäglich.

Wenn nur wenige Kinder davon betroffen waren, war das noch erträglich.

Doch eines Tages zog die Seuche auch über mich daher.

Läuse wirksam zu bekämpfen war damals noch besonders schwer.


Wir hatten keine Mittel, die dafür geeignet waren.

Nach der Schwere meines Falles waren meine Eltern

sich in kurzer Zeit im Klaren. Hier hilft nur die radikale Art,

hier wird nicht am falschen Platz gespart.


Petroleum konnte hier nur helfen!

Petroleum zu verwenden, das ergab auch richtig Sinn,

denn dieses Öl war in jeder Lampe drin.

Petroleum war dafür geeignet, einen Löwen zu entschärfen.

Warum sollte dieses Öl nicht Läuse von meinem Kopfe werfen?


Gesagt, getan. Ich wurde eingerieben damit von Ohr zu Ohr.

Mir wurde heiß am Kopf, auch wenn ich vorher fror.

Hätte jemand ein Zündholz hingehalten, ich wäre lichterloh entbrannt

und wäre wahrscheinlich als Fackellicht durch die Welt gerannt.


Mein Kopf wurde mit Wasser nun gebürstet und gerieben,

trotzdem ist der Gestank vom Petroleum

bis zum nächsten Tag geblieben.


Ich musste wieder in die Schule,

doch mein Kopf stank noch nach Öl, bis zum Erbleichen.

Meine Mutter ging an das Übel ran mit Puder und Essenzen

und konnte auf meinem Kopf Normalität erreichen.

Die Läuse auf meinem Kopf waren ratzeputz vernichtet,

doch das Petroleum hat auf meiner Kopfhaut großen Schaden angerichtet.


Es hat fürchterlich gebrannt und setzte viele Blasen.

Ich wollte hinterher tagelang mein Haar nicht kämmen lassen.

Ich war an dieser Rosskur als Erster dran beteiligt

und kann nur bestätigen, dass der Zweck die Mittel heiligt.


© Hans Riedl (Text und Foto)


Karikaturen: Pixabay

Der zerschnittene Hosenboden


Der Hosenboden war zerschnitten, doch es ist auch eines klar,

dass auch durchgeschnitten wurde, was darunter war.

Was das für eine Geschichte ist, die ihr bekommt zu hören?

Damit ihr nicht lange raten müsst, will ich es euch erklären.


Der Vater und die Mutter waren bei der Arbeit in der Tenne.

Mit der Futterschneidmaschine, so wie ich sie noch kenne,

haben beide Maisstroh klein geschnitten, damit ihr das versteht.

Es war noch kein Motor daran, man hat an der Kurbel noch gedreht.


Die Mutter drehte vorn das Schwungrad mit den Messern dran.

Der Vater legte Maisstroh in den Trog, er zog ganz fest daran.

Weil das Stroh sich hat verheddert und nur mit Gewalt,

sich von einander trennen ließ. Ganz abrupt kam dann das Halt.


Der Vater zog und zog am Maisstroh hinterrücks,

das Messer von dem Schwungrad

schnitt von unten her in einen Teil seines besten Stücks.

Er griff erst mal nach hinten und konnt es gar nicht fassen.


Jetzt war Feuer auf dem Dach.

Er musste sein Maisstroh sausen lassen.

Die Mutter lief ins Zimmer und holt ein Betttuch gleich.

Der Vater wär beinah verblutet und war schon im Gesicht ganz bleich.


Er wurde eingewickelt von unten bis zum Bauch.

Einen Becher Schnaps bekam er zum Trinken auch.

Ich lief schnell hoch zum Nachbarn und meldet` das Malheur

„Fahr du zum Onkel Doktor, darum bitten wir dich sehr!“


Der Nachbar fuhr mit seiner Puch Maschin`

schnell nach Gleinstätten zum Doktor Krifter hin.

Der kam so schnell er konnte, mit seinem Amy Jeep.

Der Vater in der Zwischenzeit halb bewusstlos blieb.


Ich musste aus dem Haus und durfte es nicht sehen,

denn der Doktor musste Vaters Hintern nähen.

Der Vater konnte wochenlang nicht sitzen,

er musste auch beim Essen stehen.


Doch alles Jammern kann nichts nützen,

weil auch die größten Schmerzen von selber mal vergehen.


© Hans Riedl


Bilder: © KI erstellt von skumy666

Wir schrieben ein Buch


Wir schrieben ein Buch, das ist mächtig und stark.

Der Inhalt darin geht ins Hirn und ins Mark.

Es verhindert Verleugnen, verhindert Vergessen,

was beinahe passiert ist, derweil unterdessen.


Uns war keine Mühe, keine Kosten zu groß.

Jetzt legen wir Hände und den Stift in den Schoß

und denken, sinnieren und grübeln darüber,

wie bringen wir alles dem Leser hinüber.


Die Kundschaft, die Leser, die erreichen wir wollen,

die schließlich und endlich ein Buch kaufen sollen,

sind verstreut auf der Welt, in Länder und Stätten,

 Es wäre uns lieb, wenn wir ihr Interesse schon hätten.


Eine Hürde ist noch deren Schrift und die Sprache.

Übersetzungen sind eine schwierige Sache,

sie kosten viel Geld, noch mehr Mühe und Zeit

und dann noch die Frage: Wer ist es zu finanzieren bereit?


Das Buch ist zwar fertig, noch ist der Arbeit nicht Schluss

und schon kündigt sich an, ein neuer Verdruss:

Die Kosten, die Arbeit, die Übersetzung, die Zeit.

Jetzt mache ich Schluss, denn das geht mir zu weit.


© Hans u. Grete Riedl (Text und Bild)


Schulwechsel


Vier Jahre Volksschule gingen nun dem Ende zu.

Die Zeit verging auch damals schon im Nu.

Mein Lehrer sagt, dass ich alles schnell begreif,

deshalb sei ich für eine höhere Schule reif.


Dass ich mich nun verändern musste, war mir ganz gewiss.

Denn die nächste höhere Schule war weit entfernt in Wies.

Ich musste mich von meinen bekannten Schülern trennen.

In Wies würd ich sicher wieder neue Schüler kennen.


Das war für mich eine völlig neue Welt

und außerdem kostet die neue Schule Geld,

denn da konnt ich nicht mehr zu Fuß hinlaufen.

Man musste immer wieder eine Busfahrkarte kaufen.


Die Ortschaft Wies lag weit von uns entfernt.

In der alten Schule hatte ich halbwegs gut gelernt,

deshalb nahmen meine Eltern die Belastungen auf sich.

Ich machte unter die vier Jahre einen dicken Strich.


Der Vater fuhr mit mir, per Post, zu der neuen Schule hin,

wo ich dann auch vorschriftsmäßig eingeschrieben worden bin.

Mein Vater zum Herrn Direktor sagt:

„Der Hansl hat sich in der Schule nie geplagt,

deshalb wurde er vom Oberlehrer für hauptschulreif erklärt.“

Diesen Satz hatte er vom Oberlehrer so gehört.


Nach dieser Prozedur, wollten wir nichts anders als nach Hause nur.

Doch kein Bus fuhr um diese Zeit in diese Richtung hin,

deshalb ich mit meinem Vater zu Fuß gleich losgegangen bin.

Von Wies aus kann man den Sausalberg schon sehen.

Doch wir beide mussten bis dahin gut vier Stunden gehen.


Wir machten unterwegs mal Rast, da habe ich gesehen:

Der Vater hatte keine Socken an, er hatte nur Lappen um die Zehen.

Auf halber Strecke hat ein Bus uns überholt,

da habe ich bemerkt, dass auch der Vater lieber fahren wollt.





Wir waren gut zu Fuß und waren hart im Nehmen,

doch waren wir schon froh, wenn wir bald nach Hause kämen.

Der Sausalberg ist schon langsam näher herangerückt.

Nach vier Stunden Marsch war unser Ausflug auch geglückt.


Weil ich nun Schüler einer höheren Schule war,

wurd´ ich nun gefordert, das war mir auch schon klar.

Gleich am ersten Schultag wurde uns Schülern

eine Liste vorgegeben,

was wir an Sachen zu besorgen haben, gleich bis Morgen eben.


Ich kam zu Mittag von der Schule heim, mein Kommentar:

„Ich muss zum Einkauf, das muss noch heute sein.

Ich gehe gleich zum Nachbarn und borge mir sein Fahrrad aus.“

Von uns am Berg, von uns zu Haus bis Wies es 18 km sind.


Ich trat fest in die Pedale, ich fuhr auch ganz geschwind

nach Wies zum Kaufhaus Marx und kaufte meine Sachen ein.

Am Abend wollte ich wieder bei uns zu Hause sein.

Habe alles leicht geschafft, war nicht mal müde hinterher.

Ich würd gern wissen wie es mit den heutigen Kindern wär.


Zu dem Zeitpunkt war ich zehn und voller Tatendrang.

Auch bei meiner Arbeit wurde mir der Tag nicht lang.

Heute bei näherer Betrachtung sag ich nur: „Ich habe alle Achtung

wie wir damals unser Tagewerk taten,

obwohl wir gegenüber heute nur ganz bescheidene Mittel hatten.“


© Hans Riedl (Text und Foto)


Die Zuversicht


Der Tag nach dem Unheil, dem Hagelgewitter,

der bekommt den Leuten auf der Leiten wie Galle so bitter.

Wohin sie auch gehen, wohin sie auch sehen,

sie sehen keinen einzigen Strohhalm mehr stehen.


Sie stehen vor dem Flecken, wo sie Kartoffel gebaut.

Es ist nichts mehr zu sehen von dem Kartoffelkraut.

Doch unter der Erde, das Herz wird ihnen weich,

liegt noch die Ernte und hoffentlich reich.


Kartoffel statt Weizen, sie sehen ein Licht.

Kartoffel statt Weizen, warum eigentlich nicht?

Kartoffeln sind sicher vor dem Unheil von oben

und sie gedeihen auch noch auf der Leiten hier oben.


Sie raffen sich auf, es ist ihre Pflicht.

Doch woher dann das Brot kommt, das wissen sie nicht.

Die Tage vergehen, der Sommer entweicht.

Bald ist auf der Leiten der Herbst schon erreicht.


Die Frau und die Kinder sammeln Pilze und Beeren,

die sie dann mangels anderer Speisen verzehren.

Der Mann hackt noch Blätter und am Waldrand das Moos.

Im Stall steht die Kuh und das Kalb ist schon groß.


Die fressen das Zeug wohl gar nicht so gern,

doch wie soll man dem Vieh die Notlage erklärn?

Das wenige Heu ist für den Winter gerichtet.

Das liegt noch auf einem Schober am Hang aufgeschichtet.


Die Ziege frisst alles, was sie nur kriegen kann

und wenn man es zulässt, frisst sie auch noch die Krautköpfe an.

Heut nimmt man die Kartoffel heraus, man gräbt mit Bedacht.

Nie noch vorher hat die Arbeit so viel Freude gemacht.


Die Krautköpfe stehen am Rain, arg zusammengeschlagen

vom Hagelunwetter, das hier niedergegangen, vor wenigen Tagen.

Das Kraut muss nun ganz schnell in den Bottich hinein,

denn sonst wird es wohl nicht mehr zu gebrauchen sein.


Für die Viecher im Stall rechen sie im Wald noch die Streu.

Doch kein Weizen, kein Korn, viel zu wenig vom Heu.

Man richtet schon langsam auf den Winter sich ein,

denn der kommende wird ganz beschwerlich wohl sein.


© Hans Riedl


Bild: Pixabay

Mit den Augen einer Frau


Ich nehme Abschied, gehe durch die leer gewordenen Räume unserer einst so bewunderten, Bibliothek,

die bei vielen Besuchern Begeisterung hervorgerufen hat.

Die Regale beherbergen keine Bücher mehr, die hier einst ihren Platz gefunden haben.

Bücher, die immer wieder gerne in die Hand genommen wurden, Freude, Begeisterung, Abenteuer,

aber auch Trauer und Trost vermittelt haben.

Ein Buch in der Hand zu halten, darinnen zu blättern, zu lesen, in jungen Jahren oft nachts unter der Bettdecke.

Auch später noch, da der Tag ausgefüllt war mit Arbeit und keine Ruhe und Zeit dazu hatte.

Doch das Lesen hat mich abgelenkt von den Sorgen des Alltags, hat mir Bilder in meinem Kopf geschaffen,

die mir Freude bereiteten.

Als Kind in der ersten Klasse war ich die erste, die sinnhaft lesen konnte und zu Weihnachten habe ich mir

bereits Bücher aus der Schulbibliothek geholt.

Später habe ich Hans mit meiner Lesefreude infiziert, doch dann kamen Jahre, die uns wirtschaftlich

und auch familiär derart in Anspruch nahmen, dass nicht mehr viel Zeit zum Lesen blieb.

Doch die Abende, wenn die Kinder schliefen, die Arbeit getan war, widmeten wir uns dem Lesen.

Dafür gab es keinen Fernseher.

Doch nun stehe ich hier und es scheint mir, die leer stehenden Regale, nicken mir traurig zu.

Ihr Sinn, den Büchern Halt zu geben, ist verloren gegangen.

Was werden sie in Zukunft erfüllen?

Vielleicht geben sie nun den Menschen Wärme indem sie im Ofen landen.

Ich weiß es nicht.


Ich sehe aber auch Hans, wie er dies alles im Alleingang geschaffen hat,

Brett für Brett zubereitet, Stellage für Stellage ist gewachsen

und nach und nach wurden sie mit Büchern gefüllt.

Raum für Raum wurde erst renoviert, vorbereitet,

um eine neue Aufgabe erfüllen zu können.

Als die Räume im Haus zu klein wurden, hatten wir die Möglichkeit,

vom Nachbar das große Gebäude, das bereits dem Verfall preis gegeben war,

dazu zu kaufen und Hans hat es saniert, liebevoll renoviert und er hat seine Kraft,

sein ganzes Herzblut diesem Projekt gewidmet.

Hans hat hier ein Projekt geschaffen, das über die Grenzen hinaus einmalig war.

Über 300 tausend Bücher sind hier Reih an Reih, themenmäßig geordnet gestanden

und haben bei vielen Menschen Freude, Staunen und Bewunderung ausgelöst.

Für die Einheimischen hat er als ein komischer Kauz gegolten,

von den politisch Verantwortlichen völlig ignoriert. Es hat keiner von ihnen den Weg

zu uns gefunden, obwohl unsere Bibliothek ein großer Werbeträger für Mureck war

und der Name über Fernsehen und Radio weit über die Grenzen gegangen ist.

Aber es sei ihnen verziehen, mit Büchern kann in der heutigen Zeit nicht mehr jeder umgehen.

Doch nun hat eine höhere Macht eingegriffen und wir waren gezwungen,

Maßnahmen zu setzen, die uns sehr schwere Stunden bereitet hat und wir noch lange

brauchen werden, um von diesem nun zerstörten Lebenswerk

uns auch innerlich zu verabschieden. Doch gemeinsam werden wir auch dies noch schaffen

und in der Erinnerung leben diese Bücher weiter.


© Grete Riedl


Bilder oben: Hans und Grete Riedl

Bild unten: Pixabay


Droben auf der Leiten


In Europa herrschte seit Jahren nur Krieg und Gewalt.

Die Rechnung dafür hat wie immer das Volk nur bezahlt.

Kaum waren die Türken vertrieben aus Österreichs Landen,

schon wieder Soldaten im Feld gegen Frankreich hin standen.

Nur Kämpfen und Töten über die Länder hin weit,

das war eine schreckliche, traurige Zeit.

Kaiser Franz war der Schirmherr von Land und von Leuten,

doch er konnte alleine keinen Frieden bereiten.

Im Westen stand damals ein mächtiger Feind,

der hat halb Europa unter seiner Knute vereint.

Das waren die Jahre um Achtzehnhundert und Zehn.

Die Menschen haben damals nur kämpfende Soldaten gesehn.

So wie in den Dörfern im Tal und droben auf der Leiten

sah ich das einfache Volk, wie sie ihr Leben bestreiten.

Was ich jetzt schreibe, was ich darüber berichte

das ist zwar erfunden, doch es ist wie Geschichte.


© Hans Riedl


Bilder: Pixabay



Das Unwetter


Der Weizen ist goldgelb, fast reif ist das Korn.

Im Stall hat die Kuh ein Kälbchen geborn.

Heuer können sie mit der Ernte zufrieden sein.

Droben auf der Leiten kehrt Zuversicht ein.

Seit kurzem erst ist von den Leuten die Schuldlast gewichen,

denn der Vater hat beim Greisler die Schulden beglichen.

Man schaut besorgt auf das Wetter, vielleicht hält es noch aus,

bis der Weizen, das Korn ist sicher im Haus.

Es ist heiß und sehr schwül schon seit mehreren Tagen.

Man sieht von den Bergen die Wolken herjagen.

Die fliegenden Wolken Schwefelfarben erreichen.

Wie die Wolken sich färben ist für den Hagel das Zeichen.

Zu den jagenden Wolken sich der Sturm noch gesellt.

Man kann es schon spüren wie man auf der Leiten den Atem anhält.

Der Vater, die Mutter, die Kinder, das Vieh,

die spüren das nahende Unheil schon irgendwie.

Man lässt hier her oben die letzten Hoffnungen fliehen,

denn man sieht das Unwetter direkt auf die Leiten herziehen.

Auf einmal ein Toben, ein Brausen, ein Brüllen

und die Augen der Kinder mit Tränen sich füllen.

Es bricht nun Wasser hernieder aus der himmlischen Flut.

Die Menge ist jenseits von Böse und Gut.

Das Unheil hat hier oben das Licht ausgemacht.

Es ist dunkel im Haus, als wär es spät in der Nacht.

Der Blitz und der Donner machen die Stube zur Hölle.

Die Welt geht zugrunde hier grad auf der Stelle.

Der Regen lässt nach, jetzt hört man ein Grollen,

als ob tausende Kugeln vom Himmel her rollen.

Der Vater, die Mutter die wissen Bescheid.

Jetzt kommt der Hagel, jetzt ist es soweit.

Es bricht schon hernieder, aus den Wolken heraus.

Laut stöhnen die Äcker, die Wiesen, das Haus.

Die Minuten verrinnen als wären Stunden darin.

Hier oben auf der Leiten ist die Ernte schon hin.

Das Unwetter hat den großen Schrecken gebracht.

Die Menschen im Haus hat es taubstumm gemacht.

Sie sitzen noch immer das Gesicht mit den Händen verhüllt.

Der Hagel hat draußen die Luft abgekühlt.

Das Unwetter tobte nur eine überschaubare Frist.

Doch nichts auf der Leiten wie vorher noch ist.

Der Vater blickt aus dem Fenster als Erster nun raus.

Mit todernster Miene geht er nun hinaus.

Er muss draußen nur kurz in die Runde noch schauen,

schon packt ihn Entsetzen, es packt ihn das Grauen.

Am Acker, wo noch vor kurzem der Weizen schön stand

und daneben der Acker, wo das Korn sich befand,

nur zerknittertes Stroh und Erde und Eis.

Mal beginnt er zu frösteln, mal wird ihm ganz heiß.

So sieht er die Ernte, kein Halm davon steht.

Dieses Unheil, diese Saat hat der Teufel gesät.

So steht er nun da und versinkt in Gedanken.

Beinah beginnt er an seinem Glauben zu wanken.

Er gibt sich einen Ruck, auch wenn sein Inneres blutet

und schaut in die Höhe, dorthin wo er den Herrgott vermutet.

„Der Herrgott wird uns das Überleben wohl geben.

Wir hatten noch Glück, wir sind noch am Leben.“


© Hans Riedl


Bilder: Pixabay


Die Hoffnung


Sie haben beschlossen, ein Stück Land noch zu roden.

Das ist eine schwierige Arbeit, es ist steiniger Boden.

Kartoffel will man bauen, so viel wie irgendwie möglich.

Nun graben sie in der Erde seit zwei Wochen schon täglich.

Beim Nachbarn in der Tratten hat sich der Vater Kartoffeln besorgt.

Der hat sie ihm bis zur neuen Ernte geborgt.

Kartoffel statt Weizen das ist die Devise.

Man ist überzeugt, dass davon leben sich ließe.

Mit Kartoffeln könnten sie besser dran sein.

Sie sind nahrhaft und die frisst auch das Schwein.

Der Müller nimmt Fleisch und gibt ihnen Mehl dafür.

So jagt man den Hunger hinaus vor die Tür.

Mit beschwerlicher Arbeit gehen die Tage dahin.

Die Kartoffeln liegen endlich in der Erde darin.

Sie haben gute Arbeit verrichtet, sie können sich freun.

Die Hoffnung auf die Zukunft steigt bis in den Himmel hinein.

Das Kalb wächst heran, es hat sich vom Winter erholt,

auf dem Markt zu verkaufen haben sie es gewollt.

Das bringt gutes Geld das ihnen überall fehlt.

Der Vater hat in Gedanken schon die Gulden gezählt.

Die Mutter hat Kraut ausgesetzt, heute ist der dreißigste Mai.

Die Pflanzen dazu brachte der Nachbar vorbei.

Mit Kartoffeln und Kraut kann man den Hunger besiegen.

Dazu noch das Mehl, das sie vom Müller dann kriegen.

Gute Kartoffeln im Acker und sollten es genügend dann sein

kommt in den Stall ein zweites Schwein noch hinein.

Falls wieder ein Hagelunwetter die auf der Leiten bedrängt,

so ist das bedrohlich doch die Kartoffeln liegen sicher in der Erde versenkt.

Voll Sorgen sind sie oft wachgelegen, so manche Nacht

das hat sie am Ende noch stärker gemacht.

Das Leben ist mühsam, jede Stunde beschwerlich.

Sie wollen nicht fort, da sind beide ganz ehrlich.

Mann und Frau stehen beisammen und schauen hinunter ins Tal.

Die Leiten verlassen wollen sie nicht, auf gar keinen Fall.


© Hans Riedl


Bilder: Pixabay


Der Vorteil


Nun schwappt das Elend auch auf die Leiten herauf.

Unten fliehen die Menschen vor den Soldaten zu Hauf.

Es ist zwar nicht Krieg, doch die Angst, die ist groß.

Die Soldaten hausen in den Dörfern ohne Rücksicht drauflos.

Die Keller geplündert, die Speicher sind leer,

denn Nahrung in Mengen verbraucht täglich das Heer.

Die Menschen haben die Zeiten des Friedens vergessen.

Ihnen und ihren Familien bleibt kaum was zum Essen.

Kein Pferd mehr im Stall, die sind requiriert.

Die sind mit der Vorhut schon weitermarschiert.

Viele Schweine geschlachtet, auch Kälber und Ziegen

auch Kaninchen und Hühner in ihren Kochtöpfen liegen.

Kein Pferd mehr zum Ackern, kein Weizen, kein Heu.

Die Zeit für den Anbau ungenützt geht vorbei.

Die Säcke für das Saatgut sind alle entleert.

Die Kartoffeln für den Anbau sind von den Soldaten verzehrt.

Was wächst auf dem Acker? Nur Unkraut und Not.

Keine Kartoffeln, kein Weizen für das tägliche Brot.

Die Menschen leben in Sorgen in den Dörfern und Huben.

Sie sitzen verängstigt in den Kammern und Stuben.

Sie fliehen vor dem Übel, wohin es auch geht.

Kein Mensch von den Bürgern ein Französisch versteht.

Mit Säbel und Stutzen hoch oben am Pferd

haben die Soldaten den Bürgern den Schrecken gelehrt.

Vor ein paar Tagen kamen vom Dorf herauf Leute,

so wie gestern am Abend und frühmorgens schon heute.

Sie betteln um Brot und um ein Lager im Stroh.

Auch mit einem Schluck Wasser sind sie schon froh.

Diese Menschen sind ratlos, sie haben kein Ziel.

Wie denen nur helfen? Die auf der Leiten haben selbst nicht zu viel.

Die Angst treibt sie herauf auf die Almen und Bergen.

Sie fürchten entsetzlich Napoleons Schergen.

Wie war es doch friedlich vor wenigen Wochen,

jetzt ist großes Unglück übers Land her gekrochen.

Es ist zwar nicht Krieg, nur ein Durchmarsch von Massen

doch viele von den Bürgern ihre Häuser verlassen.

Wann man zurück kann, das weiß man dann nie.

Kein Mensch füttert inzwischen und schaut auf das Vieh.

Die auf der Leiten schauen hinunter ins Tal,

doch ein heimliches Grausen befällt sie jedes Mal.

Der Mann sagt zur Frau:

„Solange liegt da unten Napoleons Heer,

bis alle Fässer vertrocknet und die Kornkammern leer.

Kein Schwein mehr im Stall ist, keine Henne, kein Hahn,

dann ziehen sie weiter und plündern dort neuerlich dann.

Oft haben die beiden mit Wehmut

an die glücklichen Menschen im Tale gedacht,

doch jetzt hat ihnen die Leiten den Vorteil gebracht.


© Hans Riedl


Bilder: Pixabay


Ruhe nach dem Sturm


Im Tal ist Ruhe eingekehrt, die Ruhe nach dem Sturm.

Die Soldaten sind weit fort marschiert, so wie ein langer Wurm.

Man beschloss ins Tal zu gehen, doch nur der Mann allein.

Er möchte erst mal sehen, wie es unten würde sein.

So machte er sich auf den Weg, er hatte Schmalz und Fleisch dabei

für einen Tausch gegen Salz und Zucker in der Greislerei.

Nach langen Stunden kam er wieder herauf zu seinem Haus.

Erst konnte er gar nicht sprechen, er sah verbittert aus.

„Stellt euch vor“ sprach er zu Weib und Kind.

„Es ist nichts mehr wie es vorher war, obwohl die Soldaten abgezogen sind

herrscht in den Dörfern Not und Elend wie nach einer Sturmes Flut.

Kein Mensch weiß heute noch, was man am besten tut.

Das beste Vieh ist weg, kein Saatgut für das Feld.

Jetzt ist Anfang Juni, kein Acker noch bestellt.

Die Vorratskammern sind geplündert, die Not trifft jedermann.

Falls noch jemand Geld besitzt, er sich nichts kaufen kann.

Das Land ist leer gefressen und zertrampelt von der Horde.

Ich weiß nicht, was ich sagen sollte, es fehlen mir die Worte.

Drei Wochen hat der Spuk gedauert, wie eine Ewigkeit.

Über die Zukunft nachzudenken, ist niemand noch bereit.

Den Greisler gibt es nicht mehr, der kann nichts mehr verkaufen,

denn ohne Ware keinen Greisler, es ist zum Haare raufen.

Der Müller hat kein Mehl, kein Korn, er geht selbst am Bettelstab.

Er konnte mir kein Mehl verkaufen, obwohl ich darum gebeten hab.

Eine Ruine ist das Wirtshaus, nur Reste noch darin.

Keine Hoffnung mehr im Dorfe, die Zuversicht dahin.

Das braucht lange Zeit, bis man sich davon erholt.

Über das Dorf ist eine Schlammlawine darüber hin gerollt.

Der Bauer dort am Wegrain gab für meine Ware mir dafür noch etwas Mais.

Er hat mir ausgeholfen, doch bestimmte er den Preis.

In die Kirche hab ich reingeschaut, ich konnte nicht glauben, was ich sah.

Die Kirche voller Pferdemist, das zu erzählen geht mir nah.

Überall wo man hinsieht nur Dreck und Unrat angehäuft.

Am Dorfplatz eine Pfütze, so groß das man darin ersäuft.

Wie nach dem jüngsten Tag könnte den Zustand ich beschreiben.

Das Schulhaus steht verwahrlost da und ohne Fensterscheiben.

Die Zäune hat man abgerissen und zu Feuerholz gemacht,

was die Wachmannschaften dann verheizten, damit sich wärmten in der Nacht.

Hört zu was ich euch sage, wir danken Gott dem Herrn,

dass wir hier oben leben dürfen und sind den Dörfern fern.“


© Hans Riedl


Bild: KI kreiert von biuki


Das Feuer


Die Hitze kommt wieder, das Frühjahr vergeht

und höher und höher die Sonne schon steht.

Das Frühjahr vorbei, der Sommer zieht ein.

Da wird wieder so manche Gewitternacht sein.

Die Tage sind heiß, die Luft die ist schwül.

Das bringt ein Gewitter, das sagt das Gefühl.

Man spürt schon die Winde vom Westen her stürmen

und sieht, wie hinter den Bergen sich die Wolken auftürmen.

Der Nachmittag geht, es wird Abend und Nacht.

Heran braust ein Gewitter mit gewaltiger Macht.

Es regnet nur wenig, doch es donnert und blitzt.

Die Mutter mit den Kindern auf der Ofenbank sitzt.

Die Blitze, die könnten das Strohdach versengen.

Da will sie noch beizeiten etwas Weihwasser sprengen.

Es ist ein Zischen und Fauchen wie im Höllofen drin.

Pechschwarz ist die Nacht auch in der Stube herin.

Nur wenn ein Blitz niedersaust, ist es hell auf der Stell.

Durch die kleinen Fenster herein leuchtet es grell.

Die Welt geht heut unter, so denkt sich das Weib

und drückt beide Kinder ganz fest an den Leib.

Auf einmal ist es, als ob draußen ein Feuerschein wär.

Von wo kommt jetzt wohl ein Feuerschein her?

Der Vater reißt die Tür auf und schaut schnell hinaus.

Was er nun da sieht, das hält er nicht aus.

Er schreit nur noch laut: „Feuer, es brennt unser Stall“

und schon wieder ein Lichtschein, ein Blitz und ein Strahl.

Ein Schrei noch zurück: „Es brennt, es brennt“

und schnell er hinaus in das Unwetter rennt.

Die Ziege, das Schwein, die Kuh von den Ketten

die kann er im letzten Augenblick retten.

Das Dach ist schon hin, es brennt lichterloh.

Jetzt brennt auch der Dachstuhl, verbrannt ist das Stroh.

Die Frau und die Kinder rennen in die Wiese hinaus,

denn wenn es nicht regnet, so brennt auch das Haus.

„Herrgott lass es regnen, heiliger Florian schütt

herunter das Wasser, das ist meine Bitt.“

Schon prasselt der Regen herunter aufs Haus.

Das Feuer im Stall, das ist schon bald aus.

Es ist Nacht rings umher, nur im Stall noch die Rauchschwaden zieh’n.

Die einstigen Wände kann man noch erkennen darin.

Die Kinder sind beide ganz starr noch vor Schreck.

Jetzt nur nicht verzweifeln, das hat keinen Zweck.

Morgen wenn es hell wird, fängt ein neuer Tag an,

dann fangen sie gleich zum Aufräumen an.


© Hans Riedl


Bild: KI kreiert von biuki

Wiederaufbau


Das Leben geht weiter, auch wenn der Stall ist dahin.

Die Tiere stehen jetzt im Gartenzaun drin.

Ein Nachbar hat heut schon nach dem Befinden gefragt.

Ein Zweiter hat auch seine Hilf zugesagt.

Von drunten, vom Dorf, sind auch schon Helfer gekommen,

weil sie vom Unglück von dem auf der Leiten vernommen.

Der Vater, die Mutter, sie bedanken sich recht.

Der Bauer von der Tratten, der schickt seinen Knecht.

So könnt es schon sein, bis der Sommer vergeht,

dass der Dachstuhl vom Kuhstall wieder drauf steht.

Sie helfen zusammen, so weit es ist möglich.

Irgendwer von den Nachbarn, der hilft ihnen täglich.

Nun geht der Vater, um genügend Stroh noch zu finden

und jemand dazu, der ein Strohdach kann binden.

Es fehlt noch das Holz für die Fenster und Türen.

Auch sollte noch jemand das Stroh herauf führen.

Der Sommer ist fort, der Herbst zieht herein.

Bis es kalt wird, soll der Stall zugedeckt sein.

So ist es gekommen, man kann sich drauf freun,

denn heute ziehen die Tiere in den Stall wieder ein.

Die Hühner, die Ziege, die Kuh und das Schwein

die werden da drinnen vereint wieder sein.

Die Hausleut bedanken sich bei den Helfern vor Freud.

Die haben geholfen mit Tatkraft und Zeit.

Was wäre der Keuschler da droben auf der Leiten?

Ohne Hilfe könnte der niemals den Stall Bau bestreiten.

Darum bedanken sie sich bei den Helfern und danken auch Gott.

Vorbei ist erstmal die grässliche Not.


© Hans Riedl


Bild: Kreation von buiki

Der Tod


Das Frühjahr zieht langsam auch auf der Leiten herein.

Die Kälte ist vorüber, sie können sich freun.

Man sieht schon den ersten Vogelschwarm ziehen

und auf der Wiese vorm Haus die Primeln schon blühen.

Der Winter war lang, jetzt ist er vorbei.

Die Sonne gibt Wärme, es ist schon mitten im Mai.

Voll Dank und Vertrauen sie zu Gott die Hände erheben.

Voll Hoffnung und Frohsinn sie die Tage erleben.

Eine Sorge quält die beiden, es ist eines der Kinder.

Es hat Husten und Fieber, was steckt da dahinter?

Wie helfen dem Kind, wenn man nicht weiß, wie man soll.

Die Eltern sind von Trauer und Sorge so voll.

Gestern war auch schon die Kräuterfrau da.

Man hat Hilfe erhofft, doch nichts dergleichen geschah.

Kein Geld ist im Haus, der Doktor ist fern.

Sie haben schon gebetet zu Gott, ihrem Herrn.

Das Kind ist schwer krank, das Fieber ist hoch.

Es scheint schon zu spät, wie helfen jetzt noch?

Die Kleine liegt da, im Schweiße im Bett,

als ob das Leben schon verlassen sie hätt.

Der Vater läuft los über Weg über Rain.

In zwei Stunden kann er im Dorf unten sein.

Ist der Doktor zu Haus und kommt er auch mit?

Das ist jetzt des Vaters einzige Bitt.

„Herr Doktor, Herr Doktor, ich flehe sie an,

ich mein Kind nicht alleine mehr retten kann.“

Sie steigen hinan, hinauf auf die Leiten.

Sie spüren den Weg nicht, es ist wie ein Gleiten.

Hinauf, nur hinauf, bis erreicht ist das Haus.

Das Kind ist schon tot, das Lebenslicht aus.

Sie stehen nur da und sehen sich an.

Die Mutter ist stumm, sie kein Wort sprechen kann.

Das Kind liegt nun da vom Leben verlassen.

Die Geschwister, die Eltern sie können's nicht fassen.

Die Kleine ist tot, es ist zum Verzagen.

Wer wird heute nach Essen und Trinken nachfragen?

In der Bergbauernhube hat die Erde gebebt.

So eine Not hat man vorher nie noch erlebt.

Die Geschwister, die Eltern, die sind jetzt gebrochen.

Jetzt ist das Unglück erst richtig ins Haus rein gekrochen.

Das Schicksal ist grausam, das hat man vorher gedacht,

doch erst jetzt hat es sich richtig bemerkbar gemacht.

Alle ihre Bitten an Gott wurden gar nicht erhört,

jetzt ist die Familie total am Boden zerstört.

Sie versinken im Trübsal und Lethargie.

Die tröstenden Worte begreifen sie nie.

Der Pfarrer spricht am Friedhof von: „Gott hat gewollt,

er hat sich die Kleine in den Himmel geholt.“

Das tröstet die Familie nun doch ungemein.

Ihr Kind wird bestimmt im Himmelreich sein.

Die Eltern, die Geschwister, die gehen nun heim,

doch oben am Berg, wird alles anders jetzt sein.

Erst nach Tagen findet die Mutter zurück in das Leben.

Jetzt beginnt sie zu weinen, sie schüttelt ein Beben.

So ein Weinen, ein Klagen hat man nie noch gehört,

die Mutter, die Frau, ist am Boden zerstört.


© Hans Riedl


Bilder: KI kreiert von buiki

Die Sorgen


Die Eltern haben Sorgen, sie liegen oft wach.

Vergangen ist das Feuer, doch wie wird es danach?

Mit Nachbarschaftshilfe wurde der Stall aufgebaut.

Niemand hat sich etwas zu verlangen getraut.

Die von der Leiten haben rundherum Schulden,

doch in deren Geldbeutel ist kein einziger Gulden.

An der Stallaußenwand war früher Holz aufgeschichtet.

Das hat das Feuer von damals zur Gänze vernichtet.

Der Mann und die Frau müssen nun in den Wald.

Kein Holz mehr zum Heizen, der Herd der bleibt kalt.

Eines von den Kindern schon zur Schule gehen muss,

doch bis zum Dorf ist der Weg zwei Stunden zu Fuß.

Hinunter geht es besser, herauf ist er beschwerlich,

auch für ein Kleinkind nicht ganz ungefährlich.

Die Eltern haben Sorgen, sie liegen oft wach.

Die zwei kleinen Äcker, die liegen noch brach.

Der Pflug ist verbrannt im vorigen Sommer im Feuer.

Einen neuen zu kaufen, das ist viel zu teuer.

Ein Wintereinbruch noch im Mai hat wieder Kälte gebracht.

Der Fuchs hat eine Henne zerrissen, vorletzte Nacht.

Die Eltern sind ratlos, sie können nicht ruhn.

Sie sollen verändern, doch sie können nichts tun.

Der Boden ist steinig, die Ernte ist karg.

Die Stürme, die Kälte, die sind manchmal arg.

Im Tal sind die Felder schon grün, da oben noch braun.

Es befällt sie die Wehmut, wenn hinunter sie schaun.

Dem Tal gegenüber liegen sie um Vieles schon höher.

Der einzige Trost ist für sie, die Entfernung zum Himmel ist näher.


© Hans Riedl


Bild: kreiert von biuki

Mühsal


Droben auf der Leiten auch der Winter vergeht.

Mit Mühen und Rackern hat man das Korn ausgesät.

Die Kälte ist fort, das Frühjahr zieht ein.

Das Korn wächst heran, sie können sich freun.

Die Kartoffeln stehen schon buschig in Reihe und Glied.

Man hofft zu stillen den Hunger damit.

Die Sonne hat Kraft, die kalten Nebel schon fliehen.

Durch die wärmenden Lüfte schon die Singvögel ziehen.

Der Vater schuftet im Wald, um Holz heimzubringen.

Die Arbeit ist schwer, es ist ein mühsames Ringen.

Mit der Axt und der Säge steigt er hinauf in den Wald.

Der Schlag mit der Axt bis zum Haus widerhallt.

Viel Holz hat er gerichtet, doch heute geht es nicht gut.

Er humpelt nach Hause, sein Bein ist voll Blut.

Anstatt den Baumstamm hat sein Bein er getroffen.

Dass es nur eine Fleischwunde ist, das bleibt jetzt zu hoffen.

Seine Frau bringt ihm Hilfe mit Schnaps und Verband.

Der Schnaps hat in der Wunde ganz höllisch gebrannt.

Die Schmerzen sind arg, trotzdem jammert er nicht,

damit seiner Frau nicht noch die letzte Hoffnung zerbricht.

Das Heu steht schon hoch, die Wiesen zu mähen es eilt.

Er humpelt noch immer, sein Bein ist noch nicht ganz verheilt.

Die Sorgen sind riesig, man hat schon lange nicht mehr zusammen gelacht.

Doch vertrauen sie beide ganz innig trotz allem auf eine göttliche Macht.


© Hans Riedl


Bild: KI kreiert von buiki

Freude und Sorgen


Die droben auf der Leitn sind ärmlich, sind keineswegs reich.

Da kommt eines Tages zu ihnen die Freude und die Sorge zugleich.

Der Vater ist strebsam, die Mutter ist ein Beispiel von Fleiß.

Das ist hier oben der Einsatz, das ist hier oben der Preis.

Ein Mädchen geht schon täglich weit runter ins Tal.

Es besucht unten die Schule, über dem Sommer zumal.

Ihr Bub ist verstorben vor drei Jahren im Mai.

Das brachte auf der Leitn die Verzweiflung herbei.

Ein Kleinkind, ein Mädchen mit lockigem Haar,

das ist jetzt im Alter von dreieinhalb Jahr.

Die Mutter hat sich heute ihrem Mann anvertraut,

dabei hat sie voll Sorge in den Himmel geschaut.

Doch in ihren Augen ist auch ehrliche Freude dabei.

Die Frau spricht nun lauter es ist wie ein Schrei:

„Wir bekommen ein Baby, so Gott es auch will.“

Der Vater, ihr Mann bleibt erst regungslos still.

Jetzt kommt er in Regung, fasst seine Frau an der Hand.

Dabei hat er seinen Blick auch nach oben gewandt.

„Der Herrgott hat gegeben, er wird es beschützen.

Diese Gabe von oben, die werden wir nützen.

Der Bub ist verstorben, jetzt kommt ein anderer nach"

Der Mann mit seltsam veränderter Stimme das sprach.

Auf der Leitn ist nun die Luft so rosig und leicht.

Die Frau hat mit ihrer Auskunft ihrem Mann im Herzen erreicht.

Ein Bübchen, ein Knäblein, das würde für ihn das Höchste wohl sein.

Er denkt nur noch daran, man muss ihm verzeihn.

Doch ein Kind ist ein Kind und die Freude ist groß.

Er hat sich gefangen, er gibt sich einen Stoß.

Ein Knabe, ein Mädchen, von Zwillingen hat er auch schon gehört.

Das wäre dann Schicksal und ganz unerhört.

Droben auf der Leitn vergehen die Tage mit Arbeit und voll Harmonie.

Er schont seine Frau bei der Arbeit, oft betrachtet er sie.

Der Winter kommt ins Land, es ist bitterlich kalt,

doch heuer ist man besser gewappnet gegen diese Himmelsgewalt.

Die Freude bringt Wärme in ihr bescheidenes Heim.

Auch an nebligen Tagen scheint nun die Sonne herein.

Es ist Weihnachten auch, wie jedes andere Jahr.

Das erinnert sie wieder, wie die Maria ihren Jesus gebar.

Der Mann stützt seine Frau, er umarmt sie geschwind.

Dabei denkt er voll Freude an das zu erwartende Kind.

Der Winter verzieht sich auch auf den Bergen und Höhen,

während unten im Tal die Narzissen schon stehen.

Die Hoffnung wohnt nun bei den Leuten in der Keusche darinnen,

wobei sie beide wie oft schon zu rechnen beginnen.

Wenn alles gut geht, sind die neun Monate aus,

wenn der Mai hereinzieht in ihr bescheidenes Haus.

Der Mai war es auch als damals ihr Knabe verschied.

Jetzt kommt neues Leben ins Haus als bindendes Glied.

Sie verleben die Tage mit Freude und Hoffen und Sorgen.

Wann wird es soweit sein, vielleicht ist es schon morgen.

Die Frau legt sich hin, sie spürt schon die Wehen,

doch bis die Hebamme kommt können noch Stunden vergehen.

Ihr Mann ist gelaufen, wie ein Jüngling geschwind,

über Hügel und Gräben, dass er die Hebamme find.

Er hat sie gefunden, heut hat er wohl Glück.

Er kommt nach zwei Stunden mit der Amme zurück.

Nach wieder zwei Stunden ist es endlich soweit.

Der Mann hört ganz deutlich wie in der Kammer das Neugeborene schreit.

Es erfasst ihn ein Schluchzen voll Freude und Dank.

Die Regung, die Freude macht beinahe ihn krank.

Die Hebamme sagt, er soll in die Kammer nun gehen.

Er darf zum ersten Mal seinen Nachkommen sehen.

Ein Bub ist geboren auf der Leiten im Mai.

Für Stunden sind vorerst die Sorgen vorbei.

Die Freude und die Liebe sind ins Haus eingekehrt.

Das Schicksal hat den beiden einen Nachkommen beschert.


© Hans Riedl aus "Damals"


Bild: KI kreiert von buiki

Zufriedenheit


Das Leben geht weiter für die Frau und den Mann.

Sie haben an ihrem Alltag nun Freude daran.

Der Bub wächst heran, er ist schon drei Monate alt.

Sein kräftiger Schrei durch die Schlafkammer hallt.

Er liegt in der Wiege, sie finden ihn fein.

So oft es nur geht, sehen sie beide hinein.

Die Arbeit am Berg wird ihnen nicht mehr zu viel.

In der Wiege liegt ihre Zukunft, sie haben ein Ziel.

Um den verstorbenen Sohn ist nun die Trauer vorbei.

Mit dem Zwerg in der Wiege sind es wieder nun drei.

Drei Kinder kann man auch auf der Leiten ernähren.

Der Herrgott möge ihnen eine gute Ernte gewähren.

Man hat wieder Kartoffeln gesetzt, anstatt nur Weizen und Korn.

Somit hat der Hunger nun seinen Schrecken verlor’n.

Der Vater hat vom Bauern im Tal ein Ferkel gebracht.

Damit hat er allen im Haus eine Freude gemacht.

Dafür hilft er dem Bauern ein paar Tage im Wald.

Somit hat er das Ferkel mit seiner Arbeit bezahlt.

Er erzählt seiner Frau, wie es beim Bauern so geht.

Was unten im Tal auf dem Mittagstisch steht.

In der Küche steht zum Kochen ein gekachelter Herd.

Im Stall von dem Bauern stehen zwei Ochsen, ein Pferd.

Er erledigt die Arbeit mit Pferd und mit Wagen.

Muss nicht alle die Lasten auf seinem Rücken selbst tragen.

Die Frau hört ihm zu mit sorgendem Blick.

Die unten im Tal, die schwimmen im Glück.

Sie blickt in die Augen von ihrem Mann.

Er lächelt sie an und antwortet dann:

„Hier ist unsere Heimat, hier ist unser Zuhaus.

Einen Tausch mit dem Bauern, den schlage ich aus.

Wo wir jetzt sind da, wollen wir leben.

Wir wollen für unsere Kinder genug Nahrung erstreben.

Oben ist der Herrgott, wir sind auf der Leiten hienieden.

Wir sind nur zwei Keuschler, trotzdem bin ich zufrieden.


© Hans Riedl

aus "Damals" ISBN 978-3-86870-835-6


Bild: kreiert von biuki

Abendruhe


Mit Farben und Düften schreitet der Herbst übers Land.

Er hat seine Flügel auch über die Leiten gespannt.

Es blühen noch die Rosen am Gartenzaun schön.

Kaum jemals zuvor hat da oben

so spät noch jemand blühende Rosen gesehn.

Die droben auf der Leiten sind kaum noch im Haus,

denn sie graben voll Freude die Kartoffeln aus der Erde heraus.

Die Ernte ist gut, man freut sich drauf sehr.

Kartoffeln gibt es heuer gegenüber dem Vorjahr viel mehr.

Die Krautköpfe machen ihren Namen die Ehre.

Es sind keine leichten dabei, es sind ausnahmslos schwere.

Die Bohnen hängen noch oben auf den hölzernen Stangen.

Man braucht eine Leiter um an alle heran zu gelangen.

Im Garten steht neben den Rohnen* noch der Endiviensalat.

Auch Möhren und Erbsen die Mutter heuer angepflanzt hat.

Die Kuh und das Kalb stehen außer dem Zaun,

um nach den Leuten auf der Leiten bei der Arbeit zu schau'n.

Zwei Ziegen sind es heuer, die grasen ganz oben am Rain.

Über Hausleut und Tiere bricht nun der Abend herein.

Sie freuen sich nach der Mühsal auf die zu erwartende Ruh,

denn nach beschwerlicher Arbeit gehört die Ruhe dazu.

Im Stall sind sie nun wieder, das Kalb und die Kuh,

die Hühner, die zwei Schweine und die zwei Ziegen dazu.

Der Hund liegt vor dem Haus in seiner Hütte darin.

Man sieht noch in der Ferne den letzten Vogelschwarm zieh’n.

Die Kinder spielen auf der Wiese, mit Steinen und Stöcken,

während die Eltern auf der Bank vor dem Haus die Beine ausstrecken.

So will man es halten so lange es geht,

weil jedem Menschen nach der Arbeit auch die Ruhe zusteht.

Der Bub ist nun schon sechs Monate alt und liegt noch im Körbchen darin.

Der Vater voll Stolz wirft seine Blicke zu ihm.

Sie genießen die Ruhe und ihr einfaches Leben.

Möge der Herrgott viele solche Stunden noch geben.

Die Frau sagt zum Mann. „Was nützt uns das Geld,

wenn uns woanders die Glückseligkeit fehlt.

Hier ist unser Zuhause, unser Himmel zugleich.

Wir hausen zwar ärmlich, sind andererseits reich.“

Der Vater ist schweigsam als denke er nach,

erst nach ein paar Minuten voll Sanftmut er sprach:

„Ich habe dich und die Kinder, die Keusche, das Vieh.

Das würde mir genügen wo anders wohl nie.

Wir leben auf der Leiten im bescheidenen Heim,

doch hier oben sieht man viel leichter in den Himmel hinein.“


© Hans Riedl

aus "Damals" Rediroma / ISBN 978-3-86870-835-6


Bild: kreiert von biuki


*Rohnen: = Rote Beete


Wintereinbruch


Der Winter kam ganz plötzlich, er kam über Nacht.

Er hat zwar noch keine Kälte, doch viel Schnee mitgebracht.

Gestern noch Sonne und Wärme, heute Morgen der Schnee.

Unten das Tal sieht aus wie ein zugefrorener See.

Das Kraut steht noch draußen, auch ein Teil der Kartoffeln

ist in der Erde noch drin.

Die Zweige von den Bäumen biegen zur Erde sich hin.

Das kann nur ein Gruß sein vom Winter, ein mahnendes Zeichen.

Doch auch nach Tagen des Wartens wollte der Schnee nicht mehr weichen.

Jetzt ging man daran, nach den restlichen Kartoffeln zu graben.

Man musste erst vorher vom Acker den Schnee runter schaben.

Zwei bis drei Tage wären zum Ernten noch gewesen vonnöten,

doch der Schnee kam zu früh und ganz ungebeten.

Die Bohnen reißt man gleich samt den Stangen aus dem Boden heraus

und legt sie zum Trocknen auf den Dachboden im Haus.

Die Krautköpfe holt man vom Acker schnell nun herein.

Die Sonne ist weg und es beginnt wieder zu schnein.

Holz für den Winter hat der Vater schon lang vorher gerichtet.

Das liegt nun schön trocken unter dem Stalldach geschichtet.

Die Streu für das Vieh liegt in der Scheune zu Hauf.

Ganz oben am Haufen liegt noch etwas Reisig darauf.

Der Herbst war zwar wärmer als in den vergangenen Jahren,

doch man hat auch gesehen, wie die Vögel sich scharen.

Die haben gespürt, dass schon frühzeitig der Winter einzieht.

Man hat auch bemerkt, wie Schwarm noch um Schwarm

in den Süden entflieht.

Der Hausgarten stand noch voll in reichlicher Fülle.

Jetzt ist er bedeckt mit der eisigen Hülle.

Vergraben ist der Endiviensalat in der glitzernden Pracht.

Auch nach den Möhren und Erbsen hat sich die Mutter auf die Suche gemacht.

Jetzt gilt noch zu retten, was man retten noch kann.

Mit Schaufel und Besen geht man an die Suche heran.

Das Kind bleibt zu Hause, das macht es auch gern.

Es muss nicht zur Schule und das Frühjahr ist fern.

Voll Freude und Wonne hat man vor Tagen den Herbst

noch genossen.

Jetzt sind die auf der Leiten vom Schnee eingeschlossen.

So wie es jetzt aussieht wird der Winter wohl lang.

Jetzt ist erst Ende Oktober und schon Winteranfang.

Sechs Monate Winter, der steht jetzt ins Haus,

denn auf der Leiten geht er vor dem April nicht hinaus.

Sie sind sehr geduldig die Frau und der Mann,

weil man die Naturgewalten verändern nicht kann.


© Hans Riedl

aus "Damals" Rediroma / ISBN 978-3-86870-835-6


Bild: kreiert von biuki

Aufbruch


Der erste Schnee ist gefallen, die Fröste sind stark.

Sie schneiden durch die Kleidung bis hinein in das Mark.

Das Kind bleibt zu Hause, es muss nicht runter ins Tal.

Die Schule ist aus für den Winter erst mal.


Der Schnee liegt nicht hoch, doch es ist bitterlich kalt.

Der Mann steigt trotz Kälte hinauf in den Wald.

Ein trockener Baum steht oben am Kamm.

Doch kaum nach einer Stunde sind seine Finger schon klamm.


Er nimmt sich zwei Äste, legt anderes Holz noch darauf.

So geht es dann abwärts mit Rutschen und Lauf.

Beim Haus kommt er an, nimmt trockenes Holz auf den Arm.

Drinnen heizt er es ein, das macht die Stube schön warm.


Die Frau hat löchrige Strümpfe aus dem Kasten geholt.

Sie alle zu stopfen hat sie heut noch gewollt.

So gehen die Tage auf der Leiten im Winter dahin.

Jeder überstandene Tag ist für sie ein Gewinn.


Sie haben noch Glück, noch sind sie gesund,

aber sie leben tagtäglich von der Hand in den Mund.

Das Vieh im Stall drin ist besser nicht dran.

Denn wenn kein Futter vorrätig ist, man es nicht herzaubern kann.


Das Schwein hat man geschlachtet, das hat man vollbracht.

Das hat etwas Abwechslung in die Küche gebracht.

Der Vater steigt runter ins Tal, für Fleisch hätte gern Mehl er dafür.

Doch beim Greisler steht der Vater vor verschlossener Tür.


Der Herr ist verstorben, sein Laden ist zu.

Der hat es vollbracht, er hat seine himmlische Ruh.

Der Vater geht weiter, er geht zum Müller noch hin.

Das Fleisch hat er noch in seiner Kraxe darin.


Der Müller nimmt das Fleisch, gibt Mehl ihm dafür.

Der Vater bedankt sich und geht hinaus bei der Tür.

Die Schritte sind leicht, obwohl die Kraxe gleichviel noch wiegt.

Heut hatte er Glück, heut hat er gesiegt.


Nun trägt er das Mehl, als wären es Dukaten aus Gold.

Mehl heimzubringen, das hat er gewollt.

Das Mehl reicht erstmals für Brot über Wochen.

Auch kann seine Frau damit Mehlsuppe kochen.


So fretten* sie hin bis der Winter vorbei,

doch so richtig warm wird es erst dann mitten im Mai.

Die Kuh ist nur mehr ein Knochengerüst.

Sie hat einen Teil ihres Gewichts eingebüßt.


Sie gibt wenig nur Milch, einen Liter nur halb.

Viel besser ernährt ist auch nicht das Kalb.

Es hat im Winter gelitten der Mensch und das Vieh

doch dem Herrgott zu danken vergessen sie nie.


© Hans Riedl


Bild: kreiert von biuki


Typhus im Dorf


Der Vater hat vorige Nacht hinter der Scheune verdächtige Gestalten bemerkt,

deshalb hat er heute die Tür und das Schloss am Schuppen verstärkt.

Dort lagern einstweilen die Kartoffeln und die Krautköpfe auch

bis man beides im Keller verstaut nach uraltem Brauch.


Den Salat hat man gleich im Keller in die Erde gelegt,

weil er hätte sich wahrscheinlich sonst ins Tal hinunter bewegt.

Auf der Leiten gab es kaum mehr eine friedliche Nacht,

weil man hat auch beim Schlafen an die Diebe gedacht.


Kaum kommt der Abend und bricht die Nacht dann herein,

denkt man bei jedem Geräusch, es könnten Einbrecher sein.

Der Haushund ist zu sanft um den Wächter zu stellen.

Er liegt meist in seiner Hütte und bellt nur in den seltensten Fällen.


Der Vater hat sich einen Knüppel besorgt, der ist fest und gediegen,

den hat er in seinem Bett auf dem Kopfende liegen.

Oft sehen sie auch tagsüber im Wald drin Gestalten umhuschen,

die sich verstecken hinter Bäumen und Buschen.


Man ist nicht mehr sicher in den eigenen vier Wänden.

Wie soll das alles in Wirklichkeit enden?

Die Kartoffel schon draußen, der Garten schon leer.

Der Herbst gäbe jetzt reichliche Wärme noch her.


Um vor Diebstahl zu schützen, was man selber benötigt

hat man die Ernte schon früher getätigt.

Der Nachbar von der Sennalm brachte heute die Kunde.

Ein Wort ist geflügelt und in aller Munde.


„Typhus im Dorf“, das ist schlimmer als Tod.

Jetzt noch diese Seuche zu der entsetzlichen Not.

„Ansteckungsgefahr“ hört man schon sagen.

Man hat wieder Tote in den Friedhof getragen.


Wieder haben Menschen das Weite gesucht,

mit Frauen und Kindern sind sie auf der Flucht.

Aus allen Dörfern sind Menschen am Weg überall.

Man stelle sich vor: In nur sieben Monaten den rapiden Verfall.



Ein Dorf neben dem anderen im Tal in beschaulicher Eintracht

dann haben Soldaten den Schrecken gebracht,

das Land leer gefressen, die Strukturen vernichtet.

Auch auf das überlebenswichtige Saatgut haben sie nicht verzichtet.


Man musste zusehen wie alles zusammen sie raffen.

Kein Saatgut für die Felder um neue Nahrung zu schaffen.

Dann kam noch die Dürre als unnötige Plage.

Was gedeiht ohne Wasser, war die ständige Frage?


Auf den Feldern nur Unkraut und Steine und Staub.

Die wenigen Pflanzen wurden von der Dürre ein Raub.

Das Unwetter schwemmte die restliche Erde davon.

Man glaubte damals an den Weltuntergang schon.


Jetzt noch „Typhus im Dorf“, was will man noch mehr?

Was kommt denn noch alles über die Menschen daher?

Das Dorf ist nur mehr ein ganz trauriger Ort,

denn die Hälfte der Menschen daraus ist schon fort.


Man isst Hunde und Katzen, auch hat man gesehen

auf offenem Feuer gehäutete Ratten sich drehen.

Vögel und Schnecken wie Frösche und anderes Getier

die werden gekocht und gebraten auch ohne Panier.


Alles was krabbelt und kriecht wird zur Not gleich verzehrt.

Von solchen Methoden hat man nie vorher gehört.

Wo ist denn der Herrgott mit seiner himmlischen Macht?

Wer hat ihnen alle die Plagen gebracht?


Sie beginnen zu wanken, ihr Glaube zerbricht,

denn wer mit Typhus verhungert, kann glauben auch nicht.


© Hans Riedl


Bild: kreiert von biuki


Einleitung - 1900


Ein Kaiser herrschte in Österreich der mit seinem Namen Franz Josef der Erste hieß.

Seit achtzehnhundertachtundvierzig war die Krone ihm gewiss.

Franz Josef war zurzeit, wo die Geschichte hier beginnt,

seit zweiundfünfzig Jahren bereits schon an der Macht.

Er hat in dieser Zeit seinem Volke nicht nur Frieden eingebracht.

Aus dem Hause Habsburg war seine Dynastie.

Für seine lange Herrscherzeit braucht man etwas Fantasie.

Die Geschichte, die ich nun erzähle aus den längst vergangenen Tagen

hat sich beinahe Wort für Wort in Wahrheit zugetragen.

Im Jahre neunzehnhundert trafen sich zwei junge Menschen mit kaum mehr als zwanzig Jahren.

Sie hatten schon was Armut heißt, in Übermaß erfahren.

Beide waren ärmer noch als eine Kirchenmaus.

Von diesem tristen Standpunkt geht die Erzählung aus.

Der Bursche suchte sich ein Heim für sich und seine Braut.

Wenn er Geld besessen hätte, hätte er ein Haus gebaut.

Er hatte nämlich so nebenbei die Maurerei erlernt,

doch für einen völlig Mittellosen lag ein Eigenheim unendlich weit entfernt.

Er fand nur eine Winzerkeusche auf einem Berg mit Wein.

Mangels anderer Gelegenheiten setzten sie sich dort hinein.

Die Gegend ist noch heut bekannt als des Landes wärmster Fleck.

Von Graz ist diese Landschaft fünfzig Kilometer weit nur weg.

Die Keusche war ein Presshaus für Apfelmost und Wein.

Um darin zu wohnen mussten sie nun die neuen Winzer sein.

Der Weinberg wo die Keusche stand war dicht bepflanzt mit Reben.

Die mussten sie für den Besitzer tagein, tagaus nun pflegen.

Der nächste Ort lag weit entfernt, fast zwei Stunden lang zu Fuß.

Jedes Mal den weiten Weg wenn man zur Kirche gehen muss.

Das Gemeindeamt, der Doktor und der Greissler, alles nur im selben Ort.

Die Bezirkshauptstadt liegt noch viel weiter fort.

Der Zustand von dem Presshaus der lässt sich leicht beschreiben.

Der war, nun höflich ausgedrückt, noch schlimmer als bescheiden.

Ein Wohnraum nur im ganzen Haus,

der zweite war die Presse, so sah die Sache aus.

Ein kleiner Schuppen, nur aus Brettern, stand an der Keusche dran.

Der war so winzig klein, dass man darinnen höchstens eine Ziege unterbringen kann.

Ein kleiner Flecken Land, in Meter, zehn mal zehn,

das war der Acker für die Winzer, mehr konnte man nicht seh´n.

Der Rupert und die Anna, so hießen nun die Eheleute,

waren frisch verliebt. Das war damals auch nicht anders

als wie bei den Jungen heute.

Mit frischer Kraft und Gottvertrauen gingen sie nun an das Werk.

Sich gegenseitig alles rechtzumachen galt ihr ganzes Augenmerk.

Die Welt nur rosarot zu sehen das kann nicht immer sein.

Schon nach den ersten Wochen holte sie der Alltag wieder ein.

Schwere Arbeit in dem Weinberg dazu zu wenig Brot.

Trotz ihrer Genügsamkeit bemerkten sie schon bald die Not.

Das ist der Ausgangspunkt für die Geschichte aus längst vergangenen Tagen.

Wie eingangs schon erwähnt, hat sie sich genauso zugetragen.


© Hans Riedl


Foto: Hans Riedl


"Die Winzerkeusche in Sausal 111 im heutigen Zustand, weit über hundert Jahre, nach dem meine Großeltern, Rupert und Anna, darin gelebt haben."

Die ersten Wochen - 1901


Auf dem Weinberg versuchen die jungen Leute ihr Heim zu beziehen.

Nichts ist ihr Eigen, es ist alles geliehen.

Sie haben nur sich und die schöne Natur.

Ein Dach über den Kopf und die Zweisamkeit nur.

Das Bett ist von den Eltern, die sind selber so arm.

Sie sind selber nur Winzer, dass man sich erbarm.

Dass das Presshaus bewohnt war, ist lange schon her.

Seit zwei Jahren und mehr, stand der Wohnraum schon leer.

Den Herd* stellte der Nachbar in die Stube hinein.

Die Brautleute dankten, sie konnten sich freun.

Es war Mitte August, somit beinahe das Ende der Vegetation.

Der Garten bei der Keusche lag brach seit zwei Jahren lang schon.

Von was sich ernähren, wenn die Anbauzeit fehlt.

Sie haben deswegen eine Ziege in den Garten gestellt.

Das war quasi die Mitgift von den Eltern der Braut.

Die wurde vor Wochen mit dem Rupert getraut.

Der Besitzer vom Weinberg war der Wirt unten im Ort.

Was er sagte, war für die Winzer ein gewichtiges Wort.

Der war nicht nur Wirt, auch eine Fleischhauerei

war noch als Draufgabe beim Wirtshaus dabei.

Er kam regelmäßig, um nach seinen Trauben zu sehen.

Die Winzer hatten ihm Rede und Antwort zu stehen.

Sie hatten viel Arbeit, das war keine Frage,

doch es fehlte den beiden die Lebensgrundlage.

Die Ziege gab zwar Milch, doch was anderes nicht.

Von was sich ernähren wenn es an Lebensmitteln gebricht?

Keine Nahrung im Garten, auch sonst keine Frucht,

deshalb hat sich der Rupert eine Arbeit gesucht.

Früh morgens schon ging er zu der Baustelle hin.

In seinem Rucksack nur Werkzeug, aber keine Jause darin.

Mit ein paar Kreuzern im Sack, ging er spät abends dann heim.

Die Anna musste inzwischen die Winzerin sein.

Die Arbeit im Weinberg die musste geschehen, das war keine Frage,

doch für eine zerbrechliche Frau eine unendliche Plage.

Was kochen, was essen? Keine Nahrung mehr heut.

Nur Milch von der Ziege zur Essenszeit.

Sie gingen hungrig zur Arbeit und hungrig ins Bett.

Die Anna auch hungrig im Weingarten steht.

Der Rupert ernährt sich beim Mauern, so wie es üblich meist ist,

vom Most aus dem Krug, bei der Arbeit am Boden und auf dem Gerüst.

Die Anna geht betteln zu ihren Eltern um Mehl und um Schmalz,

auch Zucker bekommt sie und ein Tässchen mit Salz.

Die Nachbarin gab ihr fünf rote Tomaten.

Das war eine Speise, die sie schon lange nicht hatten.

Sie kocht für sich und den Rupert ein leichtes Gericht.

Sie aßen, was auf dem Tisch stand, denn mehr gab es noch nicht.

Der Rupert nahm ganz sachte seine Frau bei der Hand.

„Dass ich ein Habenichts bin, das war dir bekannt.

Dass ich nichts besitze, ich kann nichts dafür.

Ich kann dir nichts geben, trotzdem hältst du zu mir.

Du bist meine Frau, ich soll für dich sorgen,

doch kann ich es nicht heute, vielleicht auch noch nicht morgen.“

Das waren die Worte die er mit Bedacht ihr gesagt.

Sein Blick in ihre Augen hat um eine Antwort gefragt.

Ein Schluchzen, ein Weinen bricht aus ihrem Körper heraus.

„Schwere Arbeit und Hungern und kein eigenes Haus.

Nur eine zugige Keusche mit einem Wohnraum zur Not.

Kein Holz um zu heizen, kaum jemals ein Brot.

Oh Rupert, mein Rupert was machen wir bloß?

Was bringt uns die Zukunft, wer zieht unser Los?

Wir sind noch allein, doch das bleibt nicht mehr lange.

Mir wird um die Zukunft unserer Kinder schon bange.

Nur schinden und betteln, nur Hunger und Sorgen.

Kein Leben für uns, nicht heute, nicht morgen.“

Ihre Tränen die liefen über ihr rupfenes Kleid.

Sie war seine Frau, sie tat unendlich ihm leid.

Sie hatten zwar Arbeit, das war keine Frage,

doch es fehlte den beiden die Lebensgrundlage.


© Hans Riedl


*Anmerkung des Autors zum Herd:

55 Jahre später habe ich denselben Herd in unserem alten Wohnhaus in einer Kammer bewundert. Es war ein Herd aus Metall auf vier Füssen. Die Kochfläche war so klein, dass nur ein einziger größerer Topf darauf Platz fand.

Mein Vater erklärte mir, dass dies der Herd sei mit dem meine Großeltern die ersten Jahre auskommen mussten, welcher auch die einzige Wärmequelle in der Winzerkeusche darstellte.

Dialog - 1901


Mit hellwachen Sinnen hat er ihre Klage vernommen.

Beinahe sind ihm vor Rührung auch die Tränen gekommen.

„Was hast du gemeint mit: Das bleibt nicht mehr lange

und dir wird um die Zukunft unserer Kinder schon bange?


Oh Anna erklär mir, erzähl was dich drückt.“

Der Rupert war um ein Stückchen zu ihr hin näher gerückt.

„Du weißt ja, ich lieb dich, du bist meine Frau.

Sag was dich bedrückt, erzähl mir genau.“


„Sei stark jetzt mein Rupert, das ist meine Bitt.

Es ändert sich alles, bald sind wir zu dritt.“

Dem Rupert wird schwindlig vor unbändiger Freud.

Vergessen ist vorerst Angst, Hunger und Leid.


Sie bekommen bald Nachwuchs, sie können sich freun.

Er darf in Zukunft der Vater dann sein.

Er freut sich ganz ehrlich, jetzt sieht er sich um,

er sieht rundherum Armut, deshalb bleibt er noch stumm.


Er spricht nun ganz leise, der Rupert, der Gute.

Vor Ehrfurcht ganz feierlich ist ihm jetzt zumute.

„Wir werden jetzt Eltern, das will schon was heißen.

Ich vertrau auf den Herrgott, es wird sich was weisen.“


Er nahm seine Frau ganz fest in den Arm.

Trotz aller Beschwernis wurde um ihr Herz es jetzt warm.

Vielleicht hatte er recht mit: Es wird sich was weisen.

Sie war auch gewohnt den Herrgott zu preisen.


„Es hat noch viel Zeit bis zum nämlichen Tag.

Bis dahin sich wirklich etwas weisen noch mag.

Bis dahin ist auch schon der Winter vorbei

dann ist es wieder wärmer und schon Anfang im Mai.“


Eine ganz neue Anna stellt sich dem Rupert nun dar.

Alles ist anders als es gestern noch war.


© Hans Riedl


Bild: Kreation von biuki

Lesezeit - 1901


Die Zeit vergeht am Weinberg, es ist Oktober schon.

Es ist jetzt die Lesezeit, für die Winzer Hochsaison.

Der Hausherr hat mobil gemacht, auch die Nachbarn sind gefragt.

Er hat auch gleich bestimmt, dass der Rupert die Traubenbutte tragt.

Das ist ihm zwar nicht einerlei, doch der Hausherr stellt die Jause bei.

Er kann nicht mehr zum Hausbau gehen wie die Tage noch zuvor.

Er ist der Winzer hier am Berg, die Lesezeit geht vor.

Andererseits sich einmal satt zu essen, das ist bestimmt nicht schlecht.

Auf einen Schluck vom guten Wein hat der Träger auch das Recht.

Lesezeit ist Erntezeit, ob für den Keuschler oder Bauern.

Hier stellt er erstmal seinen Mann, später kann er wieder mauern.

Die Trauben sind schon zuckersüß, das gibt einen guten Wein.

Ein richtig guter Tropfen wird er im Fass dann sein.

Die Leser sammeln die Trauben ein, in Kübeln und in Kannen.

Der Rupert mit der Butte auf dem Rücken schleppt sie dann von dannen.

Die Leser wurden unterrichtet auf Qualität zu schauen.

Der Rupert ist der einzige Mann, alle anderen sind Frauen.

Der Weinberg ist ein steiler Hang, die Reihen stehen dicht.

Wenn man am unteren Ende ist sieht man das Presshaus nicht.

Auch ist der Boden steinig, ideal für guten Wein.

Den lieben langen Tag scheint die Sonne hier herein.

Endlich ist es Mittagszeit, man freut sich auf die Pause.

Der Hausherr ruft zum Mittagstisch zu einer guten Jause.

Sie sitzen alle reihherum gleich am Boden vor dem Haus.

Was der Hausherr aufgetischt, sieht appetitlich aus.

Frisches Brot vom Bäcker, gleich einen großen Laib.

Jausenzeit ist Freudenzeit, ist der schönste Zeitvertreib.

Die Leute langen fleißig zu, nach Wurst und Speck und Brot.

Die Winzer essen sich jetzt satt, nach einer langen Zeit der Not.

Der Rupert sieht die Anna an, die hat jetzt rote Wangen.

Er zwinkert ihr ganz heimlich zu, um nochmals hinzulangen.

Der Mostkrug macht die Runde, der Most ist fast so stark wie Wein.

Wenn man davon zu viel bekommt, fährt er in die Glieder ein.

Die Anna denkt wie schön es wär, so gut sich satt zu essen.

Die Arbeit geht jetzt weiter, die Jausenzeit ist aus schon unterdessen.

Der Rupert trägt die Trauben in das Presshaus, dort leert er sie dann aus.

Der Hausherr presst dort eigenhändig daraus den Saft heraus.

Das macht er ganz gewissenhaft, er muss penibel sein.

Er ist der Wirt im Dorf, er braucht den besten Wein.

Ein Windrad dreht sich schnell ganz oben auf der Höhe.

Das lässt die Vögel nicht heran an seine nächste Nähe.

Das Klappern gibt auch Kunde über Berg und Hügel weit.

Der Herbst ist eingezogen, jetzt ist schon Erntezeit.

Der Nachmittag vergeht, der Abend kommt geschwind.

Der Hausherr ist zufrieden, weil alle fleißig sind.

Als es beinahe dunkel ist, lädt er alle Leser ein

zu einer Schnitte Brot und einem Gläschen Wein.

Morgen geht die Arbeit weiter,so, wie sie heut geendet.

Er will die Leser fröhlich stimmen, deshalb hat er den Wein gespendet.

Morgen ist ein neuer Tag, denkt sich die Anna jetzt.

Sie freut sie sich schon auf morgen, wegen dem Essen nicht zuletzt.


© Hans Riedl


Bild: Kreation von biuki

Bitterer Alltag - 1901


Der Alltag hat sie wieder, die Lese ist vorbei.

Arbeiten und Essen sind der Dinge zweierlei.

Der Rupert hat jetzt keine Arbeit, die Kreuzer bringen würde.

Winzer sein und keine Arbeit, ist eine schwere Bürde.

Er sammelt Holz im Nachbars Wald mit dem Einverständnis dessen.

Der Winter kommt, da braucht man Holz, auch für ein warmes Essen.

Er hat keine Kuh, keinen Ochsen und dazu auch keinen Wagen.

Angesichts dieser Misere muss er die Bündel selber tragen.

So geht er täglich in den Wald, er ist fleißig mit Bedacht.

Unter einem Nussbaum hat er eine kleine Triste schon gemacht.

Wenn es die Zeit erlaubt, dann geht er in den Wald.

Sie brauchen trockenes Holz um es zu verheizen, denn der Winter, der wird kalt.

Die Anna half ihm tags zuvor, doch sie fühlt sich heut nicht wohl.

Besorgt sieht er die Anna an, ihre Wangen sind schon hohl.

Da ist die üble Schinderei und schmale Kost dran schuld.

Wann endlich wird das alles besser, denkt er voll Ungeduld.

Ich bin der Mann, sie meine Frau, ich hab die Pflicht für sie zu sorgen.

So denkt er voller Schuldgefühl, das bleibt ihr nicht verborgen.

Es ist nicht schlecht die Maurerei, doch sie ist halt nicht immer

und kein Geld um einzukaufen, das ist bei weitem schlimmer.

Der nächste Greisler ist im Dorf, das ist gar weit entfernt.

Beim Greisler muss man bar bezahlen, das haben sie gelernt.

Der Winter steht nun vor der Tür, der Herbst will täglich weichen.

Der erste Frost war gestern schon, das ist ein schlechtes Zeichen.

Der Anna geht es gar nicht gut, der Rupert ist besorgt.

Eine dicke Daunendecke hat er sich ausgeborgt.

Sein Onkel hat sie ihm geliehen, weil die Anna so leicht friert.

In der ersten Nacht haben sie sie gleich ausprobiert.

Was soll noch werden dann im Winter, wenn die Kälte durch die Ritzen fährt.

Er wird wohl kaum entsprechend Wärme geben, dieser winzig kleine Herd.

Der Rupert hat auch Glück gehabt, er hilft bei einem Bauern.

Dort kann er eine Woche lang ein Kellerstöckl mauern.

Der Bauer ist ein guter Mann, er entlohnt den Rupert recht.

Er darf sich dafür Kartoffel nehmen, das findet er nicht schlecht.

Auch ein kleines Fässchen Most, das nennt er nun sein eigen,

voller Freud und voller Stolz kann er es der Anna zeigen.

Jedesmal wenn er nach Hause kommt, trägt er eine kleine Last.

Wieder einen Tageslohn hat er sich ausgefasst.

Die Anna ist gar sparsam, sie kennt die bittere Not.

Sie schickt den Rupert in das Dorf um Mehl und Schmalz und Brot.

Das Geld dazu hat sie gespart für noch viel schlechtere Zeiten.

Doch jetzt gilt die erste Regel sich auf den Winter vorbereiten.

Sie wirkt oft so verloren in Gedanken und im Sinn.

Ihr ganzes Sehnen geht schon zum Frühjahr hin.

Dann will sie den Garten roden und pflanzen, was man braucht zum Leben.

Dass alles gut gedeiht möge der Herrgott ihnen geben.

Mit Sorge denkt sie an das Leben, das sie im Innern trägt.

Es kommt ihr oft schon vor, dass es sich schon bewegt.

Oft ist sie ganz allein, der Rupert kommt meist spät.

Ob der Hoffnungslosigkeit sie in Verzweiflung dann gerät.

Wenn sie was finden würden mit Haus und Wald und Feld.

Dort hätten sie auch sicherlich eine Kuh hineingestellt.

Ein Ferkel und fünf Hühner, jeden Tag ein frisches Ei.

Der Wald gäbe Brennstoff für den Herd und im Garten allerlei.

Das Haus mit dicken Mauern, mit Keller und mit Stall.

Eine Scheune und darin ein Wagen, das wär des Glückes Fall.

So träumt sie dann von Zeit zu Zeit, wie wär das Leben schön.

Jedes Jahr ein Schwein zum Schlachten, wie wär das angenehm.

Doch wie ist ihr Dasein bitterarm, wie von ihrem Leben der Verlauf.

Es ist ein Wünschen und ein Sehnen, sie zehrt sich selber auf.


© Hans Riedl


Bild: kreiert von biuki

Die Kälte - 1901


Jetzt ist er eingezogen, der Winter, kalt und hart.

Eis und Schnee, gefrorener Boden, das ist nun Gegenwart.

Die Blumen blühen nur in der Stube auf den Scheiben.

Die lassen sich tagein, tagaus von dort nicht mehr vertreiben.

Der kleine Herd ist nur aus Blech, er kann nicht Wärme halten.

An den Balken von den Außenwänden, da waren breite Spalten.

Die Anna hat sie ausgestopft mit Gras und trockenem Moos.

Über Nacht, wenn der Herd nicht brennt, ist die Kälte trotzdem groß.

Der Wasserkrug ist zugefroren, der Herd ist eisig kalt.

Der Frost hat auf den Scheiben wieder Blumen hingemalt.

Heizen kann man nur zum Kochen, kaum wird die Stube warm.

Der Rupert bringt das Holz dafür von der Triste auf dem Arm.

Kartoffeln gibt es heute wieder, so wie die Tage auch zuvor.

Vor dem Essen blicken beide zum Herrgottswinkel voll Dankbarkeit empor.

Die Ziege ist zum Melken, von ihrer Milch gibt sie nur wenig ab.

Um genügend Milch zu kriegen, bräuchten sie wohl einen Zauberstab.

Die Ziege frisst nur Heu und Stroh, das stammt von Waldesrain.

Im September hat der Rupert es getrocknet, er trug es auf dem Rücken heim.

Die Ziege ist das dritte Lebewesen, das hier das Haus bewohnt.

Für Unterkunft und Futter werden sie mit ihrer Milch belohnt.

Der Advent ist fast vorbei, das Weihnachtsfest beginnt.

Der Holzstoß unterm Nussbaum ist schon klein, der Vorrat dort zerrinnt.

Heilig Abend kommt ins Haus, das Fest des Schenkens und der Liebe.

Ach, wie wär die Anna froh, wenn was zum Verschenken bliebe.

Der Rupert hat einen Tannenzweig gebracht, mit grünen Nadeln dran.

Er legt ihn in den Herrgottswinkel wo man ihn gut sehen kann.

Die Anna steckt eine Kerze dran, als wäre es ein Baum.

Sie denkt noch an die Weihnachtszeit in ihrem Kindertraum.

An Kirchgang und an Lobgesang im geschmückten Gotteshaus.

Als „Stille Nacht“ gesungen wurde, war das ein Ohrenschmaus.

Morgen dann am Christtag will sie mit Rupert in die Kirche gehen

und voller Andacht dann mit ihm vor der Weihnachtskrippe stehen.

Das Jesuskind war genauso arm, wie sie nun scheinbar ist.

Doch wer trotzdem seine Pflicht erfüllt, der ist ein guter Christ.


© Hans Riedl


Bild: kreiert von biuki

Die Krankheit - 1902


Der Anna geht es gar nicht gut, sie fiebert schon seit Tagen.

Was ihr heut am meisten fehlt, das kann sie selbst nicht sagen.

Mal ist ihr kalt, mal ist ihr heiß, mal Schüttelfrost, mal tropft der Schweiß.

Sie hat keine Kraft um aufzustehen.

Sie kann nicht mal aufs Häusl gehen.

Der Rupert ist besorgt um sie, doch was kann er schon verrichten?

Sie ist am Ende ihrer Kraft, sie musste viel verzichten.

Einen warmen Ziegel hat er in ihr Bett gelegt.

Sorgenvoll betrachtet er die Kranke, weil sie sich gar nicht regt.

Kalte Umschläg, Essigwickel hat die Nachbarin geraten.

Auch ein Stück vom Hühnerfleisch sollte er der Anna braten.

Die Nachbarin hat es ihm geschenkt, als Hilfe einfach so.

Der Rupert hat sich auch bedankt, denn darüber war er froh.

Er sagt zur Nachbarin: „Wenn es nicht besser wird, dann muss der Doktor kommen.“

Obwohl er leis gesprochen hat, hat die Anna es vernommen:

„Keinen Doktor noch, mein Rupert, der kostet so viel Geld.

Woher das Geld nur nehmen, wenn es an allen Ecken fehlt?“

So ist die Anna immer noch, sie ist sparsam und korrekt.

Sie will auch jetzt noch sparen, auch wenn sie in der Krise steckt.

Der Rupert kennt die Kräuterfrau, die wohnt nicht weit entfernt.

Sie kennt sich bei der Krankheit aus, obwohl selber angelernt.

Dort geht der Rupert noch abends hin um ihren Rat zu bitten.

Sie kommt gleich am nächsten Morgen herbei mit schnellen Schritten.

Sie prüft die Anna, klopft sie ab, wo mag das Übel sitzen?

Wenn es in der Lunge sitzt dann hilft am besten Schwitzen.

Sie hat Salben mit und Säfte mit bitterem Geschmack.

Kräuter hat sie auch dabei, gleich einen ganzen Pack.

Die Säfte in den Magen, die Salben auf die Haut.

Auch auf die Kraft der Kräuter sie hoffnungsvoll vertraut.

Die Kräuter auf die Brust, darüber einen warmen Fleck.

„Ein, zwei Tage noch, dann ist das Fieber weg:“

So sagt die Kräuterfrau mit ruhigem Gewissen.

Auch eine kräftige Nahrung soll die Anna nicht vermissen.

Der Rupert besorgt sich Eier, auch Honig aus dem Wald.

Mit seinen letzten Kreuzern hat er dafür bezahlt.

Draußen ist es bitterkalt, die Kälte will nicht weichen.

Es gibt nur klare Nächte, das ist ein schlechtes Zeichen.

Der Rupert hat sich Holz besorgt, das bekam er von einem Bauern.

Er muss dafür, sobald es wärmer wird, dessen Kellerstiege mauern.

Es ist ein gutes Buchenholz, dieses Holz gibt besser aus.

Somit ist es nicht mehr ganz so kalt in ihrem Winzerhaus.

Die Anna hat sich leicht erholt, sie kann schon wieder lachen.

Der Rupert meint nur voller Sanftmut, sie soll noch keine Späße machen.

Die Krankheit ist noch nicht vorbei, auch wenn die Anna es schon wollte.

Es wäre besser, dass sie noch ein, zwei Tage ihr Bett noch hüten sollte.

Der Rupert ist erleichtert, bald ist die Anna munter.

Von seinen schmalen Schultern fällt ein großer Stein herunter.


© Hans Riedl


Bild: kreiert von biuki

Frühlingserwachen - 1902


Das Frühjahr zieht in das Land herein, die Bäume treiben aus.

Das ist auch hier dasselbe um das kleine Winzerhaus.

Auf der Wiese blüht der Löwenzahn und die ersten Märzenveilchen.

Auch die Weidenkätzchen blühen schon ein Weilchen.

Die Sonne spendet Kraft, besonders auf der Leiten,

wo sich scheinbar noch das Frühjahr und der Winter streiten.

Das Frühjahr mit den ersten Blüten hat bald Überhang.

So zieht der Frühling ein im schönen Steirerland.

Die Winzer auf dem Weinberg, die sehen frohgemut,

was sich um ihre Winzerkeusche die Natur an Gutem tut.

Der Rupert steht im Garten mit Spaten und mit Hacke.

In einer wahren Euphorie schreitet er zu der Attacke.

Der Boden liegt nun seit drei Jahren schon vom Spaten unberührt.

Deshalb die feste Erde bei ihm zu Schweißausbrüchen führt.

Die Anna ist im achten Monat, sie sieht ihm dabei zu.

Sie braucht jetzt täglich immer öfter ein bisschen Ruh.

Der Rupert haut mit aller Kraft auf die schweren Brocken ein.

Denn schon in ein paar Wochen soll das ein guter Garten sein.

Jeden Tag ein kleines Stück, sofern er zu Hause ist.

Er streut sogar darunter ein wenig Ziegenmist.

Die Anna freut sich schon auf Erbsen und Salat.

Auch Bohnenschoten und was man sonst noch alles in einem Garten hat.

Auf einmal wird sie still und greift nach ihrem Bauch.

Der Rupert hat sie angesehen und merkt die Wandlung auch.

Sie geht jetzt schnell ins Haus zurück, der Rupert hinterher.

Beide hatten nicht gedacht, dass es an der Zeit schon wär.

„Rupert hol die Nachbarin und die Hebamme gleich dazu.

Rupert jetzt beeile dich, geh und lauf nur zu.“

Zuerst rennt er zur Nachbarin, dann gleich zwei Hügel weiter.

Die Eile ist für ihn ein guter Wegbereiter.

Er geht nicht mehr, er rennt nur hin, wie von Furien gejagt.

Bei der Hebamme angekommen hat er sein Sprüchlein aufgesagt.

Die Frau sagt ihm: „Lauf du nur heim, ich komm gleich hinterher.“

Der Rupert rennt zurück nach Haus, schnell wie die Feuerwehr.

Die Nachbarin kocht Wasser schon und richtet alle Sachen.

Der Rupert steht nur da und weiß nicht recht, wie er sich kann nützlich machen.

Die Anna hat sich hingelegt und stöhnt und schreit schon laut.

Der Rupert hat sich nicht hin zu ihr getraut.

Die Hebamme stürzt zur Tür herein und hört die Anna schrein.

Zum Rupert sagt sie nun ganz forsch: „Geh du nur aus dem Haus.“

Man hat ihn auf dem falschen Fuß erwischt, er kennt sich nicht mehr aus.

Er setzt sich unterm Nussbaum hin, sowas hat er noch nicht erlebt.

Er ist innerlich so aufgeregt, dass seine Stimme bebt.

Er denkt daran, an ihr erstes Stelldichein.

Damals hat er nicht gedacht, es könnt was Ernstes sein.

Doch immer, wenn er an sie gedacht, wurde ihm heiß und kalt.

Die Liebe hat ihn dann erfasst mit starker Urgewalt.

Bisher waren sie zu zweit, doch in Stunden oder Augenblicken

wird ein neuer Mensch das Licht der Welt erblicken.

Das ist ein großer Augenblick, wie sich die Geschichte wiederholt.

Sie haben sich ein Kind gewünscht, sie haben es gewollt.

Eine Katze geht vorbei mit zwei Kätzchen hinterdrein.

Wie schön muss für ein Lebewesen das Mutterglück wohl sein.

Er sitzt nur da, ist regungslos, die Gedanken rasen wild.

Er hat, was in der Stube drin passiert, noch kein genaues Bild.

Da hört er wieder schreien, es ist Anna, seine Frau.

Sie hat vorher nie geschrien, trotzdem erkennt er sie genau.

Sie ist geduldig wie ein Lamm und fleißig wie die Biene.

Auch in ihrer schwersten Trübsal verzieht sie nicht eine Miene.

Was hat er für ein braves Weib, er sollte sich was schämen.

Sie aber könnte jederzeit einen reicheren Mann sich nehmen.

So grübelt er drauflos, auf einmal hört er schrein.

„Wo bist du denn, es ist so weit, so komm doch endlich rein.“

Die Hebamme hat gerufen, aus der Haustür zu ihm hin.

Schon im nächsten Augenblick ist er bei der Türe drin.

Ihm war auf einmal feierlich, heiße Wellen stiegen hoch.

Obwohl er aufgeregt noch war, ist die Freude himmelhoch.

Die Anna lag im Bett unter der Decke hingestreckt.

Neben ihr ein kleines Etwas, mit einem Lacken zugedeckt.

Die Anna schlägt die Augen auf „Rupert komm schon her.

Das ist dein erster Sohn, er macht dir alle Ehr.“

Jetzt sieht er auch den kleinen Kopf mit dunklen Haaren dran.

Aus diesem kleinen Wesen wird ganz bestimmt einmal ein starker Mann.

Rupert ist jetzt glücklich, er streichelt seine Frau.

Er hat die beste Frau, das weiß er jetzt genau.


© Hans Riedl


Bild: kreiert von biuki

Zu dritt - 1902


Großes Glück ist eingekehrt in Form von einem Kind.

Ihnen wird nun voll bewusst, dass sie zu dritt nun sind.

Die Geburt ist gut verlaufen, die Anna lacht schon wieder.

So ist nun mal das Leben, ein ständiges Auf und Nieder.

Der kleine Knabe schreit schon laut nach der Mutter Brust.

Dem Rupert wird der neue Esser zum ersten Mal bewusst.

Einen Namen soll er haben, der freche kleine Kerl.

Nicht Seppl soll er heißen, nicht Franz und auch nicht Ferdl.

Rudolf ist sein Name, das haben beide so bestimmt.

Rudolf ist ein großer Name der sich für einen Buben auch geziemt.

Die Nachbarin ist Patin, die ihn zur Taufe tragen will.

Der kleine Mann hat schon getrunken, jetzt ist er wieder still.

Heute ist es schon zu spät, draußen dunkelt es bereits.

Morgen früh geht es zur Taufe, wie es Brauch ist allerseits.

Die Hebamme geht nun heim, morgen will sie wieder kommen.

Der Rupert ist voll Glückseligkeit noch immer ganz benommen.

Die Nachbarin sagt: „Gute Nacht, ich komme morgen wieder.

So lang der Kleine schläft, legt euch ein wenig nieder.“

Es ist etwas in der Stube drin, es hat sich was ausgebreitet.

Es ist das neue Leben, welches Freude hier bereitet.


© Hans Riedl


Bild: kreiert von biuki

Die Träume - 1902


Ein Kirschbaum steht am hohen Rain mit reifen Früchten dran.

Die Zweige stehen hoch und weit, dass man sie kaum erlangen kann.

Es ist ein warmer Spätfrühlingstag, mit Süße in der Luft.

Hier unterm Kirschbaum am hohen Rain schwebt ein besonderer Duft.

Im Garten von der Anna wächst jetzt schon der Salat.

Gestern hat sie der Nachbarin gezeigt, was sie schon alles hat.

Die Bohnen stehen schon in Buschen und die Erbsen in der Zeile.

Sie hat den Garten eingeteilt in zwei gleichmäßig große Teile.

Auf dem einen Teil Kartoffeln, die sind schon gut gediehen.

Am Gartenzaun entlang will sie Tomaten ziehen.

Auf dem zweiten Teil wächst bereits ein buntes Allerlei.

Dort wachsen Kraut und Rüben, auch Radieschen sind dabei.

Sie steht am Zaun und schaut hinein auf ihre ganze Freude.

Auf das Gemüse aus dem eigenen Garten freuen sich schon beide.

Im Körbchen liegt der Rudolf, der ist gewachsen und gedeiht.

Wenn er nicht gerade trinkt, schläft er die meiste Zeit.

Der Rupert bindet im Weinberg unten die langen Reben an.

Die Anna wegen dem Knirps im Körbchen ihm dabei nicht helfen kann.

Es gibt auch im Garten Arbeit, denn das Unkraut sprießt heraus.

Auch drinnen gibt es genug zu tun in ihrem Winzerhaus.

Der Kirschbaum gehört zum Nachbarhaus, keine fünfzig Schritte weit.

Zum Kirschenpflücken wäre jetzt genau die richtige Zeit.

Ein eigenes Haus mit Feldern und mit Wiesen,

darauf Äpfel-, Birnen-, Kirschenbäume, um die Früchte zu genießen.

Mit Kuhstall und mit Schweinestall, ein dutzend Hühner noch dazu.

Genügend Milch, genügend Fleisch, auch Eier immerzu.

So träumt die Anna jetzt drauflos, sie vergisst die Gegenwart.

Sie träumt von einem eigenen Haus, doch die Zeit ist bitterhart.

Sie hat nicht bemerkt, dass Rupert kommt, plötzlich steht er neben ihr.

Sie steht noch immer träumend dort an der Gartentür.

„Anna“ sagt er sanft zu ihr „wo bist du in deinen Träumen?

Wo du auch immer bist, ich bin bei dir, das möchte ich nicht versäumen.“


© Hans Riedl


Bild: Kreation von biuki

Wünsche - 1902


Ein grauer Nebelschleier deckt schon die Erde zu.

Rund um die ganze Landschaft begibt sich schon zur Ruh.

Die feuchten Nebelschleier ziehen auch in die Psyche ein.

Jeden Tag ein bisschen mehr kommen sie zur Tür herein.

Der Anna fröstelt es bei dem Gedanken an den Frost.

Rupert hat viel Holz gerichtet, doch das ist ein schwacher Trost.

Sie bräuchten einen größeren Ofen, um genügend Wärme zu erzeugen.

Wärme gäbe Behaglichkeit, um den Winter vorzubeugen.

Der Garten ist schon abgeerntet, seit Allerseelen schon.

Er machte ihr zwar viele Arbeit, doch es war ein guter Lohn.

Kraut und Rüben im Keller unten zwischen den Fässern voller Wein.

Der Hausherr holt ihn nach und nach ins Wirtshaus sich dann heim.

Rupert hat eine gute Arbeit jetzt bekommen im Ziegelwerk im Ort,

deswegen ist er seit drei Wochen täglich fast schon fort.

Zum Glück wird er recht gut entlohnt, er bringt gute Kreuzer heim.

Auf dem Heimweg von der Arbeit kauft er dann öfters ein.

Der kleine Rudolf hat schon die ersten Zähne, deshalb weint er oft drauflos.

Die Anna weiß, es ist nichts Ernstes, es sind die Zähne bloß.

Acht Monat ist der Rudolf schon, er ist Anna´s ganze Freud.

Jetzt ist sie doch allein zu Haus, immerhin die meiste Zeit.

Der Rupert ist noch nicht daheim, fast täglich kommt er spät.

Die Arbeit dauert bis zum Abend, bis den Heimweg er dann schafft,

nochmals viel Zeit vergeht.

Sie hat den Herd schon eingeheizt und einen Türkensterz gekocht.

Diese Speise hat der Rupert schon immer gern gemocht.

Da gießt er dann die Milch darüber, das macht die Sache rund.

Milch und Sterz gibt Kraft und schmeckt, hält an und ist gesund.

Die Anna denkt ein Jahr zurück an Kälte und an Not.

Wie sie gefroren haben in der Keusche, mit viel zu wenig Brot.

Ein Jahr ist erst vergangen, das ist nicht allzu weit.

Wie haben sie die überstanden, diese hoffnungslose Zeit?

Jetzt ist es schon ein bisschen leichter den Alltag zu gestalten

und was sie morgen essen werden im Auge zu behalten.

Jeden zweiten Tag holt sie Kuhmilch bei einer Bäuerin.

Die zwei Liter reichen gerade aus bis zum nächsten Holtermin.

Trotzdem träumt sie jetzt schon wieder von einer eigenen Kuh,

einer dicken Sau im Stall und ein Dutzend Hühner noch dazu.

Mit Haus und Hof und allem was dazugehört,

auch eine kleine Kinderschar, die wäre nicht verkehrt.

Was darf man sich noch wünschen oder sind Träume ungerecht?

Ist wünschen nicht erlaubt wenn man zufrieden leben möcht?


© Hans Riedl


Bild: Kreation von biuki

Zweite Weihnachten - 1902


Die Geburt ist wieder Thema auf dem Weinberg, auf der Leiten.

Doch zuallererst muss die Anna den Rupert vorbereiten.

Geburt bringt neues Leben, auch heut wie ehedem.

Wie im Weinberg in der Winzerkeusche, so wie in Bethlehem.

Es ist Weihnachten zum zweiten Mal, seitdem sie Winzer sind

und wieder ist das Thema ein ungeborenes Kind.

Das Kind zu Bethlehem, das ist für sie ein Zeichen.

Sie will mit ihrem Leben Vorbildlichkeit erreichen.

Wie es üblich ist zum Weihnachtsfest, man schenkt Aufmerksamkeit.

Sich allein zu freuen ist zwar schön, doch schöner noch zu zweit.

Es ist wieder Heiliger Abend, Zeit an Bethlehem zu denken.

Die Anna will dem Rupert heute wieder Freude schenken.

Sie sitzen in der Stube, draußen ist es bereits Nacht.

Die Anna hat für sie beide schon Abendbrot gemacht.

Der Rudolf schläft schon sanft in seinem Gitterbettchen drinnen.

Die Anna ist ganz aufgeregt, jetzt muss sie sich besinnen.

„Rupert“, sagt sie „ hör mal zu“, dann ist sie wieder still.

Sie findet nicht die richtigen Worte, was sie ihm sagen will.

Jetzt wird der Rupert aufmerksam, er meint etwas zu spüren

und heimlich fragt er sich: „Was kann sie im Schilde führen?“

Auf einmal bricht es aus ihr heraus wie in einem Schwall.

Die Wörter sprudeln nur so raus, wie aus einem Wasserfall.

„Ich bin im dritten Monat schwanger, ein Kind ist unterwegs.

Dass ich mich davor fürchte, das ist es keineswegs.

Ich freue mich schon auf das Kind, doch wir sollten erst bedenken,

dass wir mehr Platz beschaffen, bevor wir uns mit Kindern neu beschenken.“

Der Rupert beweist auch hier Gefühl, er hat sich schnell gefangen.

Mit einfühlsamen Worten ist er auf die Anna eingegangen.

„Schau, Anna, wie war das damals im Stall von Bethlehem?

Die hatten weniger als wir, das war nicht angenehm.

Trotzdem hat das Kind die Welt verändert, wie keines noch zuvor.

Schauen wir voll Zuversicht zu unserem Herrgott nur empor.“


© Hans Riedl


Bild: Kreation von biuki

Die Neuigkeit -1903


Das Frühjahr ist ins Land gezogen, jetzt gibt es keine Ruh.

Der Weinberg muss wieder umgegraben werden, der Hausherr drängt dazu.

Von Haus aus eine schwere Arbeit, auch für einen starken Mann.

Der Rupert steht im Weinberg drinnen, weil die Anna nicht mehr kann.

Sie ist im achten Monat schwanger, da ist mühsam jede Tat.

Im Juni soll die Geburt dann sein, wie sie sich ausgerechnet hat.

Der Rupert macht jetzt Robot für den Garten und das Heim.

Auch die Nachbarn helfen bei der Plagerei, er macht es nicht allein.

Den ganzen Tag die Hacke schwingen, das geht auf die Substanz.

Bis zum Abend ist auch der Rupert fertig, er ist entkräftet voll und ganz.

Gestern Abend ist er freudestrahlend zu ihr ins Haus gelaufen.

Die Nachbarn haben ihm erzählt, da will am andern Berg jemand sein Haus verkaufen.

Sobald die Arbeit am Weinberg aus ist, will er zu ihm rüber gehen.

Zumindest sich Überblick verschaffen und die Wirtschaft sich besehen.

Der Anna macht er große Freude mit dieser Neuigkeit.

Sie träumt von einer eigenen Wirtschaft ganz stark die längste Zeit.

Was wird sie alles dort verrichten falls es einmal so weit kommt.

Der Rupert bremst die Euphorie: „Wenn überhaupt, dann geht das nicht so prompt.“

Der Rupert kennt die besagte Wirtschaft nur vom Hörensagen.

Doch bevor sie sich zu viel versprechen, gibt es noch viele Fragen.

„Anna, habe noch Geduld, das ist jetzt meine Bitte.

Sich eine eigene Wirtschaft vorzustellen, das sind zu große Schritte.

Wir haben kaum noch Geld gespart für dieses Unternehmen.

Ich wüsste nicht, woher wir das viele Geld bekämen.

Kommt Zeit, kommt Rat und in der Ruhe liegt die Kraft.

Irgendwann, das versprech ich dir, haben wir ein eigenes Heim geschafft.“

Die Anna ist jetzt kaum zu bremsen, sie sprüht vor Energie.

„Das ist jetzt unsere große Chance, das schaffen wir schon irgendwie.

Wir sind bald vier Personen, der Platz reicht nicht einmal für zwei.

Für die kleine Keusche im Weinberg drinnen die viele Plagerei.

Wir sind noch jung und voller Kraft, so schnell geb ich nicht auf.

Wer frohen Mut beweist, ist meistens obenauf.“

Diese Neuigkeit hat in die Winzerkeusche neues Leben reingebracht.

Trotz ihrer Unbeweglichkeit versprüht die Anna frische Kraft.

Neues Leben wird auch kommen, falls alles gut gelingt.

Wenn in der Winzerkeusche nach ihrer Niederkunft ein Babyschrei erklingt.


© Hans Riedl


Bild: Kreation von biuki


Leben am Berg - 1903


Klein Rudolf ist erkrankt, er hustet schon seit Tagen.

Wo das Übel bei ihm sitzt, kann er nicht selber sagen.

Sein Kopf ist heiß, er wimmert leis beim Schlafen.

Die Anna ist nun ratlos, wie kann sie ihm Hilfe nur verschaffen?

Die Nachbarin war auch schon da mit ihrem guten Rat.

Die Bemühung war vergeblich, es half nichts in der Tat.

Der Rupert ist voll Sorgen und macht sich zum Doktor auf den Weg.

Dem Kranken Linderung zu bringen ist dessen Privileg.

Er will sehen, was sich machen lässt, man soll das kranke Kind ihm bringen.

Ein krankes Kind so weit zu tragen, es ist zum Händeringen.

Die Anna ist verzweifelt ob ihrer tristen Lage.

Klein Rudolf muss geholfen werden, das ist jetzt keine Frage.

Sie beraten nun ganz emsig, was jetzt zu machen wär.

Der Doktor kommt vom Dorfe unten nicht zu ihnen oben her.

Die Kräuterfrau hat schon mal geholfen als die Anna selbst darnieder lag.

Der Rupert ist gleich hingelaufen noch schnell am selben Tag.

Die gute Frau ist gleich mitgekommen mit einem Korb voll Arzeneien.

Sie meint, mit etwas Glück, kann sie das Kind von seinem Leid befreien.

Die Kräuterfrau hat gut gehandelt mit ihrer Medizin.

Der Rudolf lächelt nach drei Tagen schon wieder in seinem Bettchen drin.

Nach einer Woche Kräuterheilbehandlung

ist er scheinbar nicht mehr krank.

Sie sind froh, dass es solche gute Menschen gibt, ein großes Gott sei Dank.

Das Kind zum Doktor tragen im kalten Januar,

das wäre einem kranken Kind gegenüber verantwortungslos fürwahr.

Es ist ein Kreuz mit der Entfernung zu einem größeren Ort.

Das ist ein großes Hindernis, das zeigt sich immerfort.

Jedoch, ihre Wurzeln sind am Berg, schon Eltern, Urgroßeltern lebten hier heroben.

Mit dem Leben auf den Hängen sind sie ganz stark verwoben.

Obwohl die Wege weit sind und die Arbeit sehr beschwerlich

wollen sie am Berg nur leben, da sind sie sich ganz ehrlich.


© Hans Riedl


Bild: Kreation von biuki

Die Besichtigung – 1903


Heute ist ein Regentag, die Arbeit fällt heut flach.

Wer irgendwie es kann, der flüchtet unters Dach.

Da hat die Anna die Idee, die lässt sie nicht mehr kalt.

Sie hat einen starken Willen, da gibt es nun kein Halt.

„Rupert, nütze heut den Tag und schaue dir die Wirtschaft an.

Vielleicht ist bei diesem Hausverkauf auch für uns was Gutes dran.“

Der Rupert macht sich auf den Weg, der ist nicht gar so weit.

Für diese kurze Strecke braucht er nur zehn Minuten Zeit.

Der Hausweg zu der Wirtschaft ist nach unten hinab steil.

Das Wohnhaus ist gezimmert und auch der Wirtschaftstrakt zum Teil.

Er trifft die Besitzerin, ihr Mann ist schon verstorben.

Von ihm hat sie die Rechte als Ehefrau erworben.

Sie kann die Wirtschaft nicht betreuen, weil sie selbst schon älter ist.

Höchstens noch ganz kurze Zeit, eine angemessene Frist.

Der Rupert sagt, was Sache ist, es fehlt bei ihm das Geld.

Die Frau meint teilnahmsvoll: „Das ist es nicht, was zählt.

Der Mensch muss passen mit Glauben und mit Tugend.

Dass er gute Chancen hat, dafür spricht seine Jugend.

Man kann auch eine Lösung finden, die den jungen Leuten nützt.

Wenn sie ihm helfen kann, sie ihn gerne unterstützt.“

Er besieht sich nun die Wirtschaft, er ist ganz angetan.

Die Anna wird vor Freude springen, wenn sie das sehen kann.

Im Wohnhaus sind zwei große Räume, in der Stube drin ein Herd.

Der ist gemauert und gekachelt, der ist gleich Goldes wert.

Daneben gleich ein beheizter großer Kessel, da kocht man das Schweinefutter drinnen.

Entsprechend nützlich eingerichtet ist alles hier herinnen.

Mit Schüsselkörben an den Wänden, um den Tisch die große Bank.

Der Boden in der Stube besteht aus Brettern, ist sauber und ist blank.

Vom Vorhaus aus ist noch ein kleiner Raum, ein Bett steht noch darin.

Gleich daneben führt die Stiege zum Dachraum oben hin.

Im Vorhaus steht auch die Stangelmühle, mit der man Getreide zu Mehl vermahlen kann.

Ein großes Zimmer mit zwei Betten und zwei Kästen, das ist gleich nebenan.

Am Wohnhaus angebaut ist die Tenne für das Heu.

Neben dieser Tenne ist genügend Platz für Streu.

Rechts davon der Schweinestall mit Platz für drei, vier Schweine

und an diesem angebaut noch eine kleine Scheune.

Der Rupert sieht das alles und kommt aus dem Wundern nicht heraus.

Dann ist da noch der Kuhstall, der ist unterhalb vom Haus.

Gegenüber von dem Haus steht der Keller und obendrauf die Presse.

Dieses eine Bauwerk ist für ihn ganz besonders von Interesse.

In den Keller steigt er vier Stufen nieder, der ist gewölbt und hält schön kühl.

Dem Rupert durchrieselt im Keller drinnen ein prickelndes Gefühl.

Sogar Fässer sind noch drinnen, mit Apfelmost im Fass.

Die Bäuerin zeigt ihm weiter alles ohne Unterlass.

Jetzt gehen sie den Weg gemeinsam zum Presshaus obenhin.

Da steht eine makellose Baumhängepresse noch darin.

Auch eine Apfelmühle mit allem Drum und Dran,

so dass, falls jemand wollte, er gleich Äpfel pressen kann.

Die Frau zeigt nun dem Rupert das ganze Inventar.

Sie legt ihr ganzes Hab und Gut vor seinen Blicken dar.

Die Felder will sie ihm noch zeigen, die Wiesen und den Wald.

So hat der Rupert sich eine eigene Wirtschaft ausgemalt.

Dieselbe steht am Hang, doch der ist nicht so steil

wie bei der Winzerkeusche der aller größte Teil.

Drei Felder kann er sehen, die sind alle wohl bestellt.

An die dreißig Äpfelbäume hat der Rupert nachgezählt.

Sie zeigt ihm auch den Wald mit Tannen, Eschen, Buchen.

Auch größere Fichtenbäume muss er nicht lange suchen.

Der Rupert prägt sich alles ein, als wäre es sein eigen.

Die Frau will ihm, beinah hätt sie es vergessen, die Wasserquelle zeigen.

Ein Brunnen steht zwar vor dem Haus, doch der gibt meistens fast nichts her.

Im Sommer bei der Hitze ist er ausgetrocknet, leer.

Kaum achtzig Meter weit entfernt ist eine gute Quelle.

Dort gibt es Wasser sogar im Überfluss, genug für alle Fälle.

Die Fläche von der Wirtschaft ist im Gesamtausmaß von drei dreiviertel Joch.

Das ist zwar ziemlich wenig, aber davon leben kann man doch.

Dem Rupert ist ganz schwindelig, er fühlt wie in einem Traum.

Was will die Frau für ihr Eigentum, er getraut sich zu fragen kaum.

Die Frau sagt ihm ganz einfühlsam: „Das lassen wir mal offen.

Dass wir eine Lösung finden, drauf kannst du ehrlich hoffen.“

Er macht sich auf den Heimweg, es ist fast wie ein Schweben.

Das hätt er nicht gedacht, dass er sowas darf erleben.


© Hans Riedl


Bild: Kreation von biuki

Die Aussprache - 1903


Der Rupert kehrt nach Haus zurück, wie aus einer anderen Welt.

Sein Antlitz scheint um Jahre jünger, voll Freude aufgehellt.

Jetzt sieht er eine neue Zukunft, auch wenn noch ganz verschwommen.

Das Wörtchen „Zukunft“ hat für ihn neuen Glanz bekommen.

Was er sich vorher angesehen hatte, ist der Grundstock für sein Leben.

Diese Liegenschaft würde ihn zum freien Mann erheben.

Vorbei die Winzerei mit schwerer Arbeit, mit Kargheit und mit Not.

In der eigenen kleinen Wirtschaft bäckt er sein eigenes Brot.

Zwar ist ihm nicht bewusst, wie zum Eigentum er kommen soll,

doch die Besitzerin hat ihm Mut gemacht, er ist der Hoffnung voll.

Jetzt erzählt er seiner Frau, was er gesehen und gehört.

An der ganzen Liegenschaft hat ihn kein einziger Teil gestört.

„Anna, hilf mir mal zu überlegen, wie können wir das schaffen?

Wie um Himmels Willen so viel Geld zusammenraffen?“

„Rupert, was meint die Frau mit einer Lösung, die jungen Leuten nützt?

Wie kann die Lösung lauten, die vor Verschuldung schützt?

Rundherum nur Schulden, das wär nicht auszumalen.

Vielleicht kann man der Besitzerin in den ersten Jahren

eine Rente nur bezahlen.

Sparsam dann die Wirtschaft führen bis etwas Zeit vergeht,

bis es bei uns dann mit den Finanzen besser steht.

Wir machen ihr den Vorschlag, vielleicht geht sie darauf ein.

Sie hat doch Hoffnung dir gemacht, das könnte möglich sein.

Wir bräuchten auch das ganze Inventar, die Tiere eingeschlossen.

Du meinst, sie will nicht mehr, ihr hat die Arbeit schon verdrossen.

Für uns ist das die einzige Möglichkeit, eine andere gibt es nicht.

Ich seh am Horizont für uns bereits ein helles Licht.

Heute ist der erste Tag für uns in eine neue Zeit.

Ich glaube an das Glück, das liegt für uns bereit.

Bevor der nächste Winter kommt, sollten wir das Ziel erreichen.

Das wäre für uns beide ein Glücksfall ohnegleichen.

Das Leben bringt zwar Müh und Plagen öfter noch als oft,

doch diesmal kommt ein Glücksfall für uns ganz unverhofft.


© Hans Riedl


Bild: Kreation von biuki

Erklärung


Nach der Geburt meines Vaters am 10.Juni 1903 wurde er,

wie damals wegen der hohen Kindersterblichkeit üblich,

bereits am nächsten Tag auf den Namen Johann, sprich Hans, getauft.

Die Taufe wurde auch deswegen immer so zeitlich nach der Geburt angesetzt,

weil ein ungetauftes Kind laut christlicher Lehre nicht in den Himmel kommen konnte.

Meistens wurden die Neugeborenen noch am selben Tag zur Kirche getragen,

was vor allem im Winter für das Kind oft verhängnisvoll endete,

wenn das Geburtshaus stundenweit von der Kirche entfernt lag.

Nach der Erholungsphase der Geburt war die Anna die treibende Kraft,

den Umzug vom Brandwinzer in Sausal 111 zum Anwesen Müller in Sausal 67,

in die damals lebensfähige Wirtschaft mit etwa drei Joch Grund voranzutreiben.

Vorerst aber musste mit dem Besitzer ein Abkommen ausgehandelt werden,

damit sie auch ohne Barmittel in den Genuss dieser Liegenschaft kommen konnten.

Nach mehreren Aussprachen kam man, für die junge Familie zum vorteilhaften Abkommen,

dass sie vorerst eine Art Leibrente bezahlen, bis es ihnen finanziell möglich ist,

die Liegenschaft zu kaufen.

Im Herbst des Jahres 1904 sind sie noch vor dem Winter nach Sausal 67 übersiedelt.

Als Lebensgrundlage und Start für die Bewirtschaftung der kleinen Liegenschaft

sind sie laut Vertrag in den Genuss der halben Fechsung (Ernte) und

der am Hof befindlichen Gerätschaften (Fahrnisse) gekommen.

Somit war der Anfang zwar schwer und mühselig, aber für den Rupert und die Anna

mit den zwei kleinen Buben, dem Rudolf mit dreieinhalb und

dem Hansl mit eineinhalb Jahren, doch möglich.

Es lässt sich nicht nachvollziehen, ob am Hof ein oder zwei Kühe

und anderes Getier verblieben sind.

In meiner Kinderzeit, fünfzig Jahre später,

hat die Wirtschaft nie mehr Ertrag eingebracht um mehr als zwei Kühe,

zwei Schweine und eine Hand voll Hühner gleichzeitig zu füttern.

Auf jeden Fall waren für die junge Familie damals viele Hürden zu überwinden,

jedoch gegenüber der Winzerkeusche war diese Wirtschaft eine große Errungenschaft.

Am 13. Mai 1905 kam ein Mädchen, die Aloisia, auf die Welt.

Im Jahre 1907 ist es dem Paar gelungen die Liegenschaft zu kaufen.

Als Kaufpreis wurden 2940 Gulden festgesetzt.

Diese Summe wurde zum kleineren Teil in bar ausbezahlt

und zum größeren Teil durch Übernahme einer Hypothek des Vorbesitzers

ausgeglichen. Der Vertrag wurde am 26. August 1907 abgeschlossen,

ab da waren der Rupert und die Anna Riedl alleinige Besitzer dieses Hofes,

auf dem ich 40 Jahre später geboren wurde.

Damit endet diese Geschichte im Buch "Damals".

Doch sie ist noch nicht beendet, nur geht sie in unserem Buch

"Beim Blut meiner Ahnen" ausführlich weiter.

Es kommen noch viele Höhen und Tiefen,

die das junge Paar durchschreiten muss.


© Hans Riedl


Bild: Kreation von biuki

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